Kultur : Cuba Libre

Kein Revolutionär hatte mehr Glamour und Lässigkeit als die kubanischen Comandantes. Was Che Guevara zum Mythos machte.

Karin Ceballos Betancur

Damals gefiel es uns, kaputte Jeans zu tragen, unser Haar sich selbst zu überlassen und mit rotem Edding „Lenin lebt!“ auf Schultische zu schreiben. Wahrscheinlich erschien uns „¡El Che vive!“ zu mainstreamig, obwohl wir über beide wenig wussten. Cooler wäre Thomas Sankara gewesen, aber dafür hätten wir Zeitung lesen müssen. Die Jugend ist ganz genauso schlecht wie ihr Ruf.

Alle revolutionären Idole transportieren Versprechen. Sie werfen einen Mehrwert ab, nicht nur für junge Menschen, die noch darauf hoffen dürfen dabei zu sein, wenn es das nächste Mal losgeht. Die Geschichte stellt jede Menge rebellisches Potenzial zur Verfügung, aber es gibt niemanden, der den Aufstand mit mehr Glamour und Lässigkeit geprobt hat als die Comandantes der kubanischen Revolution. Ernesto Che Guevara, Fidel Castro, Camilo Cienfuegos – schöner als Zapata, juveniler als Trotzki und bärtiger als Mao Zedong. Mythen brauchen keine Inhalte. Im Gegenteil. In der Postmoderne ist das Abstoßen von politisch-historischem Ballast die Voraussetzung für ihre Existenz.

Welcher Kuba-Reisende kehrt ohne Revolutionsmotiv im Koffer zurück, Che Guevara auf Stoff gedruckt, in Ton gebrannt, hinter Glas gepresst? Niedliche Legionen streichholzgroßer Guerilleros marschieren am Morgen in Havanna auf, wenn die Kunsthandwerker ihre Stände aufschlagen. Fönwarme Windböen blasen blau-rot-weiße Fahnen aus den Türen der Souvenirläden in Trinidad, einer Stadt im Süden der Insel. Auf einer Bank in der Wartehalle des internationalen Flughafens José Martí liegt ein Mann, der den Rückflug bei beschränktem Bewusstsein erleben wird. Er übersummt den Text eines Lieds, bis er Halt am Ende des Refrains findet: Comandante Che Guevara.

Was braucht eine Revolution, deren Protagonisten auch im 21. Jahrhundert noch als film- und fernsehtaugliche Ikonen funktionieren? Warum prügeln sich Produzenten um die Rechte an der Verfilmung von Leben und Sterben Che Guevaras statt um die Biografien von Marx und Engels? Warum weht bei der Tour de France am Straßenrand sein Konterfei auf einer Fahne, nicht das von Patrice Lumumba? Warum läuft der Dokumentarfilm über Fidel Castro „Comandante“ im Kino auf der großen Leinwand statt nachts um 1 Uhr 35 auf Arte? Was hat Fidel, das Ho nicht hat?

Der Eintritt zum Revolutionsmuseum in Havanna kostet vier Dollar. Die Damen, die die Karten abreißen, sind meistens unfreundlich, es sei denn, sie wollen später erwähnen, dass sie keine Milch für ihre Kinder haben. Wenn es etwas gibt, das man auf kubanische Lebensmittelkarten kaufen kann, dann Milch für Kinder. Aber die meisten Besucher zahlen gern für das Gefühl, einen schonungslosen Blick hinter die Kulissen des Sozialismus geworfen zu haben.

Ein Raum im Erdgeschoss ist dem bolivianischen Feldzug Che Guevaras gewidmet, ein Saal mit Zeugnissen einer Niederlage, der einzige. Zu zeigen gibt es wenig, was in der Natur der Sache liegt. Eine Tasche der Deutschen Tamara Bunke, genannt Tania, der Guerillera heróica, Munitionsreste, Waffen, Schlafsäcke. In der letzten Vitrine liegt ein Fetzen Stoff, der zu Ches Weste gehört hat, die dunkelblauen Socken, die er trug, als er erschossen wurde, Instrumente der Autopsie. Ein Büschel Haupthaar, ein Büschel Barthaar, heller, als man vermuten würde.

Bis vor ein paar Jahren waren die Texte im dritten Stock nur auf Spanisch zu lesen. Inzwischen klärt auch ein Schild in englischer Sprache darüber auf, dass es sich bei dem braunen, bröseligen Lappen hinter Plexiglas um ein „Fragment des Hemds“ handelt, „das Major General Antonio Maceo Grajales in dem Moment trug, als er im Kampf fiel“. Das ist zwar ein bisschen ekelhaft, aber in ihrer Ausstellung beweisen die Kubaner insgesamt eine gewisse Vorliebe für das Authentizitätssiegel getrockneter Sekrete. Zu sehen sind zudem die Puderdose, in der die Asche des in Mexiko ermordeten Revolutionärs Julio A. Mella nach Kuba transportiert wurde, Macy’s After Bath Powder, früher türkis, heute rostig; die Nähmaschine, auf der Castros Uniform genäht wurde, in Übergröße; die Schreibmaschine, auf der sein Verteidigungsplädoyer nach dem Sturm auf die Moncada-Kaserne abgetippt wurde („Die Geschichte wird mich freisprechen“); der Schlüssel zu seiner Zelle auf der Isla de Pinos.

Das Museum zeigt Kampfrekonstruktionen mit kleinen Bäumen, viel Modellmoos und Minirevolutionären aus Plastik, Mikrofone, in die historische Worte gesprochen, Brillen, durch die historische Augenblicke gesehen wurden, Schlagstöcke der Prügelgarden des Diktators Batista und zwei Wachsfiguren, die Camilo Cienfuegos und Che Guevara darstellen, durch Fici und Efeu pirschend. „Híperrealista“, behauptet ein Schild. Eher nicht so, möchte man dem Kurator zurufen. Mit rührender Liebe zum Detail erzählt der dritte Stock des Museums eine Erfolgsgeschichte. Wen würde all das auch heute interessieren, wären die Guerilleros gescheitert?

In Kolumbien war es mehr Selbstschutz als Freiheitswille, der die maoistisch orientierten Guerilleros der Fuerzas Armadas de Colombia (Farc) 1964 in die Berge Kolumbiens trieb. Jahrelang hatten die Großgrundbesitzer das Land mit einer Welle der Gewalt überzogen. Liberale und Konservative hetzten ihre Vasallen gegeneinander auf in einem Konflikt, in dem die Bauern nur verlieren konnten. Seine überaus vielschichtigen und komplexen Ursachen, die bis heute nicht beseitigt sind, haben in erster Linie mit Problemen der Landverteilung zu tun. Die Oligarchie löste ihre Differenzen später am Verhandlungstisch. Und überließ es den Paramilitärs, die liberalen Reste zu beseitigen.

Im Kampf um die Macht im Staat haben die Guerilleros zwar an Stärke gewonnen, aber nie eine ernsthafte Chance gehabt. Als sie versuchten, in die Legalität zurückzukehren und eine Partei zu gründen, wurden sie abgeschlachtet. 1986, im ersten Monat ihres Bestehens, wurden 300 Mitglieder der „Unión Patriótica“ von Todesschwadronen ermordet.

Dass die Farc vor etlichen Jahren dazu übergegangen ist, sich über Gelder aus dem Drogenhandel zu finanzieren, wäre nicht das Schlimmste. Viel schwerer wiegen die Entführungen, die sich gegen die Zivilbevölkerung richten. Weil sie den Bewohnern der Gebiete, die sie kontrollieren, weniger nutzen als schaden, wenn sie bei militärischen Auseinandersetzungen unbeteiligte Opfer billigend in Kauf nehmen, weil die Farc schon lange den Versuch aufgegeben hat, ihre politischen Ziele zumindest auf überschaubarem Terrain umzusetzen, gelingt es ihnen heute nur noch, sich mit Sabotageakten in die Schlagzeilen zu bomben. Ihre Glaubwürdigkeit als emanzipatorische Kraft im Land haben sie verspielt, mögen ihre medial propagierten Forderungen, eine gerechte Agrarreform beispielsweise, auch nach wie vor richtig sein. Dass der Staat, den sie bekämpfen, seinem demokratischen Anspruch ebenso wenig gerecht wird, macht es nicht besser. „Hasta la victoria“, steht auf ihrer Internetseite. „Siempre“ haben sie weggelassen.

Eine Bewegung braucht Erfolg, um in der westlichen Welt zum Mythos zu werden. Und der zugrunde liegende Konflikt muss überschaubar sein, damit der archetypische Gut-böse-Dualismus funktioniert, der Guerilla-Kampf als gerecht empfunden werden kann. Beide Faktoren sind in Kolumbien nicht gegeben. In Kuba schon. Der Kult zehrt auch vom kubanischen Karibik-Bonus, an dem Kolumbien nur mit einem Küstenstreifen beteiligt ist. Und obwohl der überdeutlich auf das afrikanische Kulturerbe der Insel verweist, wird gerade das bei einer oberflächlichen Betrachtung des revolutionären Treibens nicht sichtbar. Die meisten ihrer Anführer waren Weiße.

Thomas Sankara hat es nicht geholfen, dass man ihn den „Che Guevara Schwarzafrikas“ nannte. Sankara war während der 80er Jahre vier Jahre lang Präsident von Burkina Faso, ein Mann, der auf Fotos selten lächelt und manchmal eine Krawatte trägt, einer, den man in Chroniken mit dem vagen Prädikat „charismatisch“ auszeichnet. 1981 wurde er zum Informationsminister ernannt, zwei Jahre später, nach einem Staatsstreich, Premierminister des Landes, das damals noch Obervolta hieß. Er verfolgte ein sozialistisches Entwicklungsprojekt nach planwirtschaftlichen Prinzipien, und in seinem Kabinett saßen vermutlich mehr Frauen als in sämtlichen kubanischen Revolutionsregierungen. Wer erinnert sich an Thomas Sankara, der am 15.Oktober 1987 bei einem Putsch getötet wurde? An Patrice Lumumba, ermordet am 17.Januar 1961? Letzterem ist immerhin ein Cocktail gewidmet. Aber er schmeckt nicht so gut wie Cuba Libre.

Vom abschätzigen, paternalistischen Blick, mit dem afrikanische Rebellen häufig bedacht werden, ist auch Che Guevara nicht frei, wenn er in seinem Kongo-Tagebuch schreibt: „Oberstleutnant Lambert, ein sympathischer, fröhlicher Mann, erklärte, dass die (feindlichen) Flugzeuge für sie keinerlei Bedeutung hätten, da sie über die Dawa verfügten, einen Zaubertrank, der unverwundbar mache. Er sagte das mit einem Lächeln, so dass ich mich genötigt sah, über den Scherz zu lachen. (...) Doch bald wurde mir klar, dass er es ernst meinte und dass der magische Schutz eine der wichtigsten Waffen im Kampf des kongolesischen Heeres war.“

Rassistische Klischees schrammt 40 Jahre später der renommierte Journalist Jon Lee Anderson in seinem Buch „Guerillas. Töten für eine bessere Welt“, wenn er die Kämpfer der Polisario in der Westsahara wie Tiere beschreibt. Die meisten hätten „einen sichtbaren Anteil schwarzafrikanischen Blutes, was zu einer wohlansehnlichen Mischung semitischer und negroider Charakteristika“ führe, „einige sind recht groß und behende“, während die Füße der Frauen an „den leichten Schritt weidender Gazellen“ erinnerten. Anderson hat übrigens auch eine Biografie über Che Guevara geschrieben, ohne animalische Assoziationen.

Die Männer, die an der Spitze der Barbudos, der Bärtigen, im Januar 1959 in Havanna einzogen, waren weiße Söhne der Mittel- und Oberschicht, sexy angeschmutzt vom jahrelangen Guerillakrieg in den Bergen, glückliche Überlebende, strahlende Sieger. Als sie die Macht übernahmen, war die Architektur der Insel geprägt von einer Mischung aus Kolonialbauten und sachlichem 50er-Jahre- Schick. Weil nach der Revolution wenig gebaut und das meiste jahrzehntelang immer wieder repariert wurde, prägen beide Elemente bis heute das Bild Havannas, der fraglos schönsten Stadt der Welt. Oldtimer kreuzen am Malecón, gegen den die Wellen seltener schlagen, als Wim Wenders in seinem Film „Buena Vista Social Club“ Glauben macht. Wo die Sanierer noch nicht aufgeräumt haben, gleicht die Altstadt, von der Straße aus betrachtet, einem barocken Klumpen lebendigen Glücks. Die kubanische Revolution hat Stil, wider Willen vielleicht.

Die Frauen ihres Pantheon sind keine radikalen Amazonen, die klassische Geschlechterrollen auf den Kopf stellen, und sie tun dem massenkompatiblen Teil des Mythos dadurch auch keinen Abbruch. Celia Sánchez, die fürsorgliche, ernsthafte und weitgehend asexuelle Partnerin Fidel Castros aus der Sierra Maestra, die später an Krebs starb. Tamara Bunke, Tania, der jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung überall ein Verhältnis mit Che Guevara nachgesagt wird, und die durch backfischbedingte Unachtsamkeit zum Scheitern der bolivianischen Expedition beigetragen haben soll. Die sanfte Mutter und das hysterische Girlie. Auf T-Shirts hat es keine der beiden geschafft.

Selbst wenn die Zapatisten in Mexiko zur „intergalaktischen Party“ laden, will niemand wirklich die weiblichen Comandantas sprechen hören, obwohl es dem aufgeklärten Selbstbild gut tut, dass es sie gibt. Die Menge wartet auf den Subcomandante Marcos, von dem trotz Maske bekannt ist, dass er aus der weißen Mittelschicht der Hauptstadt stammt.

Wahrscheinlich sind die Zapatisten die Einzigen, denen es gelungen ist, in einer romantisierten Liga zu punkten, in der außer ihnen nur die Kubaner spielen. Weil ihre Fragen präziser auf die Gegenwart ausgerichtet und ihre politischen Forderungen weniger leicht zu ignorieren sind, fehlt ihnen die leicht konsumierbare Breitenwirkung. Am Strand von Varadero blickt Che Guevara in Kuba von jedem Ladentisch aus in den Himmel. Im mexikanischen Cancún macht sich der Sub ziemlich rar, bisher.

Es gibt zahllose gute Gründe für die Beschäftigung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft der kubanischen Revolution. Ihr Mythos allerdings, die weltweite Verbreitung ihrer Insignien hat mit dem, worum es dabei gehen sollte, wenig zu tun. Was in den Cubars und Havanna Lounges der Welt aufgerufen wird, ist weder soziale Gerechtigkeit noch Kapitalismuskritik.

Der Revolutionskonsument leert das Gefäß, bevor er es anbetet. Auf dem Müll landet, was sich der Mythenbildung widersetzt: das Ringen der Protagonisten um persönliche und gesellschaftliche Emanzipation, der Kampf gegen Privateigentum, Unterdrückung und Ausbeutung. Was bleibt, ist Freiheit als Selbstzweck und ein Glamour unbestimmten Inhalts. Ein Bodensatz aus männlicher Durchsetzungskraft, Fitness und vorgeblicher Authentizität, auf dem die herrschenden sexistischen und rassistischen Verhältnisse bestens gedeihen.

Auf diese dünnen Beine gestellt, wirkt der Mythos dann auch nicht mehr bedrohlich. Stattdessen gibt er sich als eine Spielart des neoliberalen Konkurrenzkampfs und verspricht denjenigen, die mitmachen, das Gefühl, widerständig zu sein.

Aber Schuld daran sind nicht die Kubaner. Jedenfalls nicht nur.

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