Kultur : Cup der guten Hoffnung

Der Zeltenbummler: In Frankfurt hatte André Hellers Afrika-Zirkus Weltpremiere

Ursula May

Wunder gibt es bei André Heller immer wieder. Er hat den Zirkus Roncalli mitbegründet, „begnadete Körper“ aus China auf Tour geschickt, fliegende und schwimmende Skulpturen geschaffen, Feuerspektakel gezündet und Wunderkammern geöffnet. Jetzt entdeckt Heller, der Kopf des Kulturprogramms zur Fußball-Weltmeisterschaft, den schwarzen Kontinent. „Afrika! Afrika!“ heißt sein neuestes Spektakel. Wie könnte es bei dem Chefexzentriker vom Dienst anders sein: Auch sein jüngstes Projekt ist, von außen besehen, eine Show der Superlative. Mehr als 100 Artisten, 32 Tänzer und 13 Musiker aus 15 verschiedenen Ländern Afrikas hat er engagiert, dabei sind auch Künstler aus den Banlieues von Frankreich und den Suburbs von New York.

In Frankfurt am Main ließ der Wiener Weltverschönerer ein gigantisches Zeltkonglomerat aufbauen: 26 Meter hoch, so groß wie ein neunstöckiges Haus, mit orientalischen Mustern, Blumen und Tieren bemalt. Manche der Künstler sind schon im Cirque du Soleil aufgetreten, andere im Varieté eine feste Größe, die meisten aber sind auch in Afrika völlig unbekannt. Zwei Jahre lang haben André Heller und seine Scouts die Zirkusschulen Afrikas durchforstet, Solisten von der Straße weg engagiert, Gruppen zusammengestellt.

Es ist in der Tat erstaunlich, was André Heller und seine Künstler dem Zuschauer bieten: Körper fliegen durch die Lüfte, als würden die Gesetze der Schwerkraft für sie nicht gelten. Ein Schlangenmensch schlüpft durch einen Tennisschläger und lässt vergessen, dass der Körper über ein Skelett verfügt. Atemberaubende Akrobatik, Jonglage, halsbrecherische Menschenpyramiden.

„Afrika! Afrika!“ ist aber kein Marktplatz der Sensationen, nicht spektakulär in dem Sinn, dass man so etwas noch nie gesehen hätte. Dafür aber bietet die Show ausgezeichneten Zirkus, der sich ganz auf den Körper konzentriert. Clowns, Tiere oder Zauberer kommen hier nicht vor, man vermisst sie auch nicht. George Mamboye, der in Frankreich lebende Tänzer von der Elfenbeinküste, hat das Programm in einer rasanten Choreografie zusammengeführt.

André Heller musste vor der Premiere seines Afrika-Abenteuers in Frankfurt einige Kritik einstecken für den Versuch, einen Kontinent mal eben in einer Zirkusshow abzubilden. Man kann sich natürlich fragen: Was hat ein Tänzer aus Kenia mit einem Artisten aus Südafrika zu tun, was ein ägyptischer Schwertjongleur mit einem Trapeztänzer aus Tansania? Die kulturelle Eigenheit der verschiedenen Länder, aus denen diese Artisten kommen, geht unter in einem bunten Flickenteppich. Was André Heller auf die Beine gestellt hat, ist ein Gegenbild zu dem, was wir sonst über Afrika erfahren. „Sie müssen sich vorstellen, dass das meiste an Schrecklichem, was wir über Afrika hören, stimmt“, wird der Meister nicht müde zu wiederholen. „Krieg, Not, Chaos, Krankheit, Aids, Dürrekatastrophen – wir sind aber so fokussiert auf dieses Katastrophenbild, dass wir nicht wahrnehmen, was gleichzeitig an Großartigem unter diesen Bedingungen entsteht.“

Ein anderes Bild von Afrika nach Europa bringen: Man kann einwenden, dass mit solch einer Show auch wieder Vorurteile bedient werden, dass das Bild vom singenden, tanzenden, fröhlichen Afrikaner aufs Neue reproduziert wird. Selbstredend werden auch die Afrika-Klischees bedient, die man als solche zu kennen glaubt: Tänzer mit Baströckchen treten auf, und der Zuschauer erfährt nicht einmal im Programmheft, dass diese Baströckchen Teil eines Ritus sind und eben nicht, wie vielleicht immer gedacht, Folklore für Touristen. Dabei sieht man auch Unerwartetes: Junge Männer in Basketballtrikots, die Einrad fahren, Körbe werfen und mit ihren Einrädern über Seile springen. Auch amerikanische Subkultur fügt sich hier ein.

Die Show, in die Produzent Matthias Hoffmann („Die drei Tenöre“) sechs Millionen Euro investiert hat, steht unter der Schirmherrschaft der Unesco. Ein Euro pro Eintrittskarte fließt über das Goethe-Institut zurück in afrikanische Kulturprojekte. Kunst sei das Brot der Seele, erklärt Heller in seiner unnachahmlichen Art. Und so gehöre Kunst zum Alltag in Afrika, bei jeder Hochzeit, jeder Beerdigung kämen Künstler zusammen. Dieses Potenzial will er festhalten. Wenigstens ein Jahr lang. Bis November 2006 tourt der Zirkus durch deutsche Städte. Während der Fußball-WM tanzen Hellers Afrikaner in Berlin.

„Afrika! Afrika!“: Bis 4. 2. 2006 in Frankfurt, 16. 2. bis 16. 4. in Hamburg, 27. 4. bis 24. 6. München, 5. 7. bis 16. 9. Berlin, 27. 9. bis 18. 11. Düsseldorf.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben