Curzio Malaparte : Nachtigallenherzen zum Dessert

Er war ein selbsternannter "Erzitaliener" und Weltmann. Kriege, Katastrophen, Kunst: Das abenteuerliche und abstoßende Leben des Deutsch-Italieners Curzio Malaparte.

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Kurt Erich Suckert alias Curzio Malaparte (1898-1957), fotografiert von Roger-Violllet.
Kurt Erich Suckert alias Curzio Malaparte (1898-1957), fotografiert von Roger-Violllet.Foto: Imageforum

So viele Existenzen in einem Leben, so viele Gesichter und Masken eines einzigen Menschen. Plötzlich, in Zeiten der neuen Kriege, Katastrophen und zivilisatorisch-kulturellen Erschütterungen, ist da ein Mann wie Curzio Malaparte wiederzuentdecken. Er war Faschist, Futurist und Kommunist, war Italiener, Deutscher und Kosmopolit, er bankettierte mit Königen, Präsidenten und Massenmördern, mit Boxweltmeistern und berühmten Künstlern; er wird Anfang der 30er Jahre zum international einflussreichen Theoretiker des modernen Staatsstreichs, mit einem kühn und kurios entlarvenden Psychogramm Adolf Hitlers – noch vor dessen Machtergreifung.

Zehn Jahre später ist er der erste prominente Augenzeuge, der öffentlich über die Ausrottung der Juden in Osteuropa schreibt; Malaparte schildert auch den nackten Heinrich Himmler in der finnischen Sauna und fährt mit dem amerikanischen Oberbefehlshaber ein in das befreite Rom, ist erst auf Seiten der Deutschen und dann der Alliierten Sieger, Verlierer und wiederum Sieger des Zweiten Weltkriegs. Ein Bestsellerautor, Reporter, Dichter und Dandy, Theater- und Filmregisseur, Liebhaber schöner Frauen und wohl auch verschwiegener Männer.

Am Ende empfängt ihn Mao in Privataudienz, und Kurt Erich Suckert, der in der Toskana geborene Sohn eines sächsischen Textilfabrikanten und einer italienischen Mutter, der sich Curzio Malaparte nannte, vermacht bei seinem Tod 1957 Teile seines Vermögens der Volksrepublik China. Hätte die Familie nicht Einspruch erhoben gegen das Testament des lungenkrebskranken Sonderlings, dann wären womöglich die Tantiemen etwa seines vor 60 Jahren erschienenen Kriegs- und Skandalromans „Die Haut“ ins ferne rote Asien gegangen. Dann besäße heute ein Millionär aus Peking oder Schanghai auch Malapartes sagenumwobene Villa auf Capri.

Wenige haben sie je in Wirklichkeit erblickt. Aber Filmfans kennen sie als Schauplatz, oft ohne es zu wissen; inzwischen sind Bilder aus Jean-Luc Godards „Le Mépris“ („Die Verachtung“) auch Kultstücke im Internet. Godard drehte seine Geschichte um einen alten Starregisseur, einen gedemütigten Drehbuchschreiber, einen rüden US-Produzenten und eine erotische Frau 1963: mit dem realen alten, von den Nazis einst ins Exil nach Hollywood vertriebenen Großregisseur Fritz Lang, mit Michel Piccoli, Jack Palance – und Brigitte Bardot. Die sonnte sich bäuchlings nackt, dabei halb Liebesgöttin, halb Opferlamm, auf dem altarähnlichen Flachdach eines Hauses hoch über einer Klippe des Mittelmeers. Die Szene ist eine Ikone, auch auf Youtube.

Malapartes Villa aber wurde zum eigentlichen Star. Sie ist ein magischer Ort, verschlossen für das Publikum. Wer vom Inselhauptort Capri entlang der Steilküste nach Osten einen einsamen Höhenweg nimmt, trifft nach 20 Minuten auf eine Bucht, hinter der sich der Felsvorsprung der Punta Massullo erhebt. Auf diesem schwindelerregenden Kap hat Malaparte 1938/39 seine Villa gebaut, die er „Casa come me“, ein „Haus wie ich“ nannte.

Bis heute wirkt das Gebilde in ausgeblichenem, abblätterndem Toskanarot archaisch und futuristisch zugleich. Eine Mischung aus steinernem Ufo, bauhausähnlichem Bungalow und aztekischem Tempel. Eine Seite hat statt einer Wand nur die monumentale Treppe zum Dach, auf dem Menschen wie auf einer dem Sonnengott dargebotenen Opferstätte erscheinen. Opfer und Täter, Sieger und Besiegter – das waren Malapartes eigene Insignien. Als er 1929 wegen politischer Unbotmäßigkeit als Chefredakteur der Turiner Tageszeitung „La Stampa“ auf Druck Mussolinis entlassen wurde, fuhr Malaparte zunächst nach Russland und veröffentlichte seine Reiseberichte als Buch unter dem Titel „Intelligenza di Lenin“; dann ging er nach Paris und publizierte 1931 auf Französisch eine sogleich in viele Sprachen übersetzte Studie zur „Technik des Staatsstreichs“.

Malaparte geriert sich darin als neuzeitlicher Machiavelli, doch er bewunderte nach seinen faschistischen Anfängen nicht mehr Mussolini, sondern Trotzki. Und er verachtete den gerade aufsteigenden Adolf Hitler als einen weibischen Weichling, der eigene Schwäche durch Härte und Grausamkeit kompensiere. Die italienische Ausgabe der „Technique du coup d’état“ wird bald verboten, Malaparte 1933 nach seiner Rückkehr aus Paris zu fünf Jahren Verbannung auf die vor Sizilien liegenden Liparischen Inseln verurteilt.

In Mailand ist jetzt in der eleganten Biblioteca di Via Senato noch bis 26. September eine Ausstellung zum Leben und Werk Curzio Malapartes zu sehen. Sie zeigt neben Manuskripten, Dokumenten, Briefen Malapartes an Gott und die Welt (auch Mussolini und Stalin) sowie Antworten etwa von Ezra Pound oder Alberto Moravia auch zahllose Fotos. Auf ihnen ist einmal eine Kirche im Fischerdorf Lipari zu sehen, mit einer breit vorspringenden Freitreppe. Sie hatte Malaparte zu seiner späteren Capri-Villa inspiriert. In seinem 1949 /50 erschienenen autobiographischen Weltkriegsroman „Die Haut“ dient der Ort dann zu einer ironischen Pointe.

Malaparte berichtet, wie ihm im Frühsommer 1942 seine Haushälterin den unangekündigten Besuch eines deutschen Generals meldet. Es war der Feldmarschall Rommel. Malaparte führt den Besucher herum, und der etwas ruppig wirkende Marschall fragt am Ende, ob er dieses Haus selber entworfen habe. Malaparte behauptet, er habe es so gekauft. Aber er zeigt durch ein Panoramafenster „auf die Inseln der Sirenen, auf das verschwimmende Blau der Küste von Amalfi, auf den fernen goldenen Schimmer des Gestades von Paestum“ und sagt Rommel: „Ich habe die Landschaft entworfen.“

Der Dichter als göttlicher Schöpfer, diese Rolle hat Malaparte in einer Mischung aus eitelster Einbildung und erstaunlicher Weltbildung immer wieder gespielt. Sein erstes großes Buch, das er 1943 auf Capri vollendet, erscheint 1944 und trägt den deutschen, in allen Übersetzungen beibehaltenen Titel „Kaputt“. Die 550-seitige Ich-Erzählung des von Mussolini zwischenzeitlich begnadigten und als Kriegsberichterstatter des Mailänder „Corriere della Sera“ im Rang eines italienischen Hauptmanns auch mit allerlei Privilegien versehenen Autors gleicht einer fantasmagorisch realen Reise in die Abgründe des Hitler-Krieges.

Denn von Polen, Finnland bis in die Ukraine und auf den Balkan folgt Malaparte den blutigen Spuren des Ostfeldzugs. Dabei wirkt „Kaputt“ oft obszön und noch für heutige Leser schockierend. Der Capitano Malaparte nämlich diniert beispielsweise mit dem NS-Generalgouverneur Hans Frank in der alten Krakauer Königsburg oder in einem noch nicht zerstörten Schloss in Warschau (Ehrengast dort ist auch Max Schmeling, was dieser später als Erfindung bestritten hat). Man parliert bei erlesenen Speisen ganz offen über die Eliminierung der europäischen Juden. Malaparte schildert ein selbst erlebtes Pogrom, das der 1946 in Nürnberg hingerichtete Frank als lediglich „unkultiviert“ abtut, worauf der Gouverneur zum Desert noch zu einer kleinen „Rundfahrt“ einlädt: durch das Warschauer Ghetto.

Malaparte, der sich seinen Künstlernamen als „schlechteres Gegenteil“ zu Napoleon Bonaparte gewählt hatte, war tatsächlich Franks Gast gewesen. Und er erzählt, mit häufig angedeutetem Widerwillen zwar, noch seine entsetzlichsten Erlebnisse im Ton apokalyptischer Salongespräche. Eine kühle, manchmal auch etwas schwülstig geschriebene Ästhetisierung des Schreckens. Ein Zeuge, kein Täter. Als er Ante Pavelíc, den kroatischen Verbündeten Hitlers und Führer der faschistischen Ustascha, in dessen Palais in Zagreb besucht, zeigt der ihm auf seinem Schreibtisch einen großen Weidenkorb, offenbar voller Austern. Doch Pavelíc hebt den Deckel über der gallertartigen Masse und sagt „mit seinem gutmütigen und müden Lächeln“ es seien „zwanzig Kilo Menschenaugen“.

Solche Schocks setzt Malaparte als wohlkalkulierte Effekte. Nach dem Krieg und dem Welterfolg von „Kaputt“ veröffentlicht er als dessen Fortsetzung „La Pelle“. „Die Haut“ erscheint 1950, kurz nach der vom Vatikan auf den Index gesetzten italienischen Ausgabe, auch auf Deutsch und verkauft sich schnell in über 350 000 Exemplaren. Ursprünglich sollte das Buch „Die Pest“ heißen, doch kurz zuvor war Albert Camus’ Roman mit diesem Titel herausgekommen. Malaparte schildert das 1943 von den Alliierten eroberte Neapel in einem wahnsinnigen Ausnahmezustand. Die zerbombte Stadt mit ihrer hungernden Bevölkerung wird von neuer Lebensgier, allgemeiner Prostitution und einer Art vitalen Erniedrigung und Verzweiflung ergriffen, dazu bricht 1944 zum bisher letzten Mal der Vesuv aus.

Dieser Tanz auf und um den Vulkan ist Malapartes grausig großartiges Meisterwerk. Es ist wie auch „Kaputt“ im Münchner Hansa-Verlag in einer neuen, gut kommentierten Ausgabe erschienen. Man versteht, warum ein Heiner Müller, selber von Schlachten fasziniert, Malaparte nach 1989 als hellsichtigen Zeugen ganz neuer, in ihrem Wesen anarchischer Kriege empfohlen hat. So steht er, dem eine seiner eigenen Figuren vorwerfen darf, er habe „Nachtigallenherzen auf Tellern aus altem Meißener Porzellan“ gegessen, neben dem noch kälteren Ernst Jünger: abstoßend und anziehend zugleich, dieser „Arcitaliano nel Mondo“, so der Titel der Mailänder Ausstellung. Ein selbsternannter „Erzitaliener“ und Weltmann – auf den sich im schillernden Abglanz auch Berlusconi und sein demokratisch-postfaschistischer Gegenspieler Fini berufen möchten. Der Film im Film übrigens, den Godard und Fritz Lang in seinem Haus einst drehten, hieß „Irrfahrten des Odysseus“.

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