Kultur : Cybergrrrls und ihre Pixel

ELFI KREIS

Eines Tages wird man womöglich den Begriff Ausstellungsbesucher neu definieren müssen.Spätestens dann, wenn das Museum, die Kunsthalle nicht mehr persönlich betreten zu werden braucht und statt dessen die Kunst frei Haus geliefert wird.Man lädt sich die Bilder einfach über Internet auf den eigenen Computermonitor und fertig.Doch was heißt hier eines Tages? Die Zukunft der schönen, neuen Multimediawelt, sie hat längst begonnen.

Die Ausstellung "CrossLinks" umfaßt Beiträge intermedialer Kunst von elf in Berlin arbeitenden Künstlerinnen.Einige unter ihnen führen anschaulich vor, daß selbst ein virtueller Ausstellungsbesuch nicht mehr eine futuristische Vision, sondern bereits Praxis ist.Das Spektrum der eingesetzten Medien reicht von computergenerierter Fotografie und Videoinstallation über Multimediaprojektion und interaktiver, begehbarer Rauminstallation bis zu Internet- wie CD-ROM-Projekten oder technologiebezogener "Aktionskunst".Alle Teilnehmerinnen erhielten zur Weiterentwicklung ihrer bereits bestehenden Projekte ein Werkstipendium für Medienkunst.Eine Jury hatte zuvor die Auswahl für die mit jeweils 10 000 Mark dotierte Fördermaßnahme des Künstlerinnenprogramms der Senatsverwaltung getroffen.Wer im Marstall als real anwesender Besucher die Rauminstallation mit Internet-Anschluß von Christin Lahr betritt, gilt laut Konzept bereits als "lebendes Fossil".Aus einem der Lautsprecher ertönt die Aufforderung stillzustehen.Nur bei Bewegungslosigkeit setzt die Übertragung von Statements wieder ein.Zugleich sind fünf Überwachungskameras auf den Zuhörer gerichtet.Sie erfassen jeden Winkel des Raumes und übertragen das Geschehen auf die an das Projekt gekoppelte Website der Künstlerin.

Die von Kathrin Becker und Beatrice E.Stammer betreute Ausstellung untersucht die ästhetische Herausforderung der neuen Medien- und Computertechnologien für die Kunst.Die Gretchenfragen dabei lautet: Ist das Medium selbst bereits die Message? Wenn man bei Annette Begerow schlimmstenfalls vor nicht mehr grauen Projektion auf nackter Ausstellungswand steht, möchte man sie bejahen.Bestenfalls erlebt man graue Bildquadrate, die in rasender Geschwindigkeit kleiner- oder größer gezoomt werden.Das mittels Zufallsgeneratur gesteuerte Lichtbild demonstriert nicht mehr und nicht weniger als die entsinnlichte Auflösung eines Bildes in Pixel, die kleinsten Bildelemente auf dem Computerbildschirm.Nur wer viel Zeit mitbringt, erfährt, daß es sich letztlich um die Ansicht einer Innenarchitektur handelt.Interessanter sind Arbeiten, die wie Kirstin Geislers "Dream of Beauty 2.0" spielerisch mit den technischen Möglichkeiten und der verführerischen Schönheit virtueller Bilder umgehen.

Beim überwiegenden Teil der Arbeiten geht es um eine im Wandel begriffenen Vorstellung des Schönen, um Fragen zur eigenen Identität zwischen realer und virtueller Existenz: beim Multimediaraum "Browsing Beauty" von Andrea Sunder-Plassmann ebenso wie bei Bettina Hoffmanns fotografischem Rollenspiel mit dem geklonten Selbstporträts oder Dörte Meyers Vexierspielen zwischen tatsächlichen wie imaginären Gegebenheiten des Galerieraums.Was es mit Techbabes, Webgrrrls, Cybergrrls und dem Internet als weiblichem Raum für eine geschlechtsunabhängige Existenz im Netz unter dem Stichwort "Cyberfeminismus" auf sich hat, darüber kann man sich beim Congress "Capital Training" oder in einer Videoart-Lounge mit Internetzugang und Videos informieren.

Marstall, Schloßplatz 7, bis 18.Februar; Mittwoch bis Freitag 14-20 Uhr, Sonnabend, Sonntag 12-20 Uhr, Katalog 18 DM.

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