• Czeslaw Milosz im Literarischen Colloquium: Der große alte Mann der polnischen Literatur zu Gast in Berlin

Kultur : Czeslaw Milosz im Literarischen Colloquium: Der große alte Mann der polnischen Literatur zu Gast in Berlin

Doris Meierhenrich

Die Großen, so heißt es in seinem Gedicht "Café Greco", halten mich aufrecht - "denk ich an sie und die Seinshierarchie". Als Czeslaw Milosz dies am Donnerstag Abend in den überfüllten Saal des LCB sprach, mochte er sich selbst wohl Stütze genug sein, denn die Ergebenheit, die ihm nach jedem gelesenen Gedicht in Beifall entgegenflog, ließ gar nichts anderes zu als Größe für den Mann auf dem Podium. Auch wenn Milosz selbst Dichter genug ist, um Größe im Moment ihres Gedankens gleich wieder davonfliegen zu sehen, schien doch die Seinshierarchie in diesen zwei Stunden hergestellt und Milosz, der "polnischste unter den Schriftstellern", wie Michael Krüger ihn vorstellte, an dessen Spitze. Und als am Ende der Lesung und Frageviertelstunde noch jemand aus dem Publikum die deutsche Ignoranz gegegnüber dem polnischen Nobelpreisträger von 1980 beklagte, weil man in der Berliner U-Bahn, im Gegensatz zu der in New York, noch nie ein Plakat mit einem Milosz-Gedicht hat anbringen lassen, da nahm sich auch eine polnische Landsfrau ein Herz und beruhigte die Gemeinde mit dem Bekenntnis, dass der Dichter an der Krakauer Universität immer wie ein Familienmitglied verehrt und seine Gedichte über die Jahre hin gepflegt worden seien, wie ein Stück von jedem selbst.

Tatsächlich war das nicht immer so. Denn nachdem Milosz 1951 in Paris, wo er als Kulturattaché das immer tiefer in sowjetischen Totalitarismus gezwungene Polen vertrat, um politisches Asyl bat und 1960 als Slawistikprofessor nach Berkeley, Kalifornien übersiedelte, wurden seine Gedichte, Essays und autobiografischen Romane in Polen nicht mehr gedruckt. Weil er weiterhin nur auf polnisch schreibt, blieb die in Paris erscheinende Emigranten-Zeitung "Kultura" die einzige Verbindung zur polnischen Leserschaft. In einer Art Widerstand zu seiner Umgebung, so Milosz selbst, blieb er zeitlebens, gerade auch in der Emigration: In Polen schrieb er das Polnisch, das er nicht durfte, in Frankreich und Amerika die Sprache, die niemand verstand. Und als wäre diese Sprachfremdheit wie eine zweite Haut um ihn herum gewachsen, die der fast Neunzigjährige nicht mehr abstreifen kann, ließ er sich jeden Wortbeitrag aus dem Publikum, sei er in englisch, französisch oder polnisch gesprochen, von der Übersetzerin noch einmal polnisch übersetzen.

Ob er die Situation jetzt, wo er die eine Hälfte des Jahres in Berkeley und die andere wieder in Krakau leben könne, als Rückkehr des verlorenen Sohnes empfinde? Viel eher, so die Antwort, müsse er da nach Litauen zurückkehren. Denn dort ist er 1911 geboren, und in Wilna hat er bis in die dreißiger Jahre gelebt. Eine Rückkehr nach Litauen aber, das er, der Pole, am ehesten seine Heimat nennen könnte, hat er bereits anders vollzogen: "Hündchen am Wegesrand" heißt die literarische Erkundungsreise, die im August bei Hanser erscheint.

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