Kultur : Da Capo!

Deutschland sucht seine besten Schauspieler

Christian Schröder

Im 19. Jahrhundert waren, glaubt man Charles Dickens, einem Schauspieler seine Qualitäten noch buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Der Theaterdirektor Vincent Crummles, den der Dichter in seinem Roman „Nikolaus Nickleby“ auftreten lässt, verfügt über eine „wulstige Unterlippe“, eine „heisere Stimme, wie es bei Leuten der Fall ist, die viel zu schreien pflegen“, und „schwarzes, fast kahl abgeschorenes Haar, damit er sich um so leichter Charakterperücken jeder Form und Art anpassen“ kann. Crummles tingelt mit einer Wandertruppe durch die Provinz, zu der seine Frau, Sohn und Tochter – Wunderkinder! – sowie das Pony gehören, das die Familienkutsche zieht. Schon die Mutter des Ponys war beim Theater, es aß Apfelpasteten, feuerte Pistolen ab, ging mit einer Schlafmütze ins Bett und erntete dafür Da-Capo-Rufe.

Die Gegenwart hat derartige Beifallsbekundungen durch eine Form medialer Akklamation ersetzt, die nicht ohne Johannes B. Kerner auskommt. Kerner führt heute Abend ab 21. 15 Uhr im ZDF durch die Sendung „Unsere besten Schauspieler“. „Unsere Besten“, Stolz schwingt mit in diesem Titel, unter dem die Nation schon mehrfach vor dem Fernsehgerät zusammenrücken durfte. Ermittelt wurden die größten Deutschen aller Zeiten (Konrad Adenauer vor Martin Luther und Karl Marx), die größten deutschen Sportler (Michael Schumacher vor Birgit Fischer und Steffi Graf) oder die beliebtesten Bücher („Der Herr der Ringe“ vor der Bibel und „Die Säulen der Erde“ von Ken Follett). Es gilt ein erweiterter Deutschland-Begriff bei diesen Wettbewerben, die Vorschlagsliste des Senders für die Top 50 der Lieblingsschauspieler umfasst auch den Schweizer Bruno Ganz, den Österreicher Peter Alexander und den Holländer Johannes Heesters.

Die Zuschauer haben per Postkarte oder mit einem Mausklick im Internet abgestimmt. Ihre Wahl wird Rückschlüsse auf die Seelenlage des Landes erlauben. Erkennen sich die Deutschen noch immer im passiv-verschmitzten Durchwursteln der Kleine-Mann-Figuren von Heinz Rühmann (ZDF: „in ewiger Erinnerung“) wieder, zählt die Haudegenhaftigkeit von Götz George („Duisburger Kultkommissar“) mehr als die Rühr-mich-nicht-an-Schönheit der Marlene Dietrich („der Weltstar“), sind wir ein bisschen gaga wie Klaus Kinski („skandalöse Auftritte“), zerrissen wie Gustaf Gründgens („kontrovers diskutierte Persönlichkeit“) oder sehen wir einfach so super aus wie Senta Berger („noch immer strahlend schön“)? Die Zuschauer führen gegen das Aufgebot von Romy Schneider, Hans Albers und Katja Riemann allerdings mit ihren Nominierungen auch ein Heer von No-Name-Darstellern ins Feld – oder hat im Ernst schon jemand von den Stars Hans-Jürgen Alf, Rüdiger Bahr oder Patrick Fichte gehört?

Johannes B. Kerner ist zuversichtlich, dass die Abstimmung „eine große Emotionalisierung mit sich bringen wird, dass die Leute wirklich mit dem Herzen entscheiden werden“. Man glotzt nur mit dem Herzen gut.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben