Kultur : Da erstaunen wir fröhlich, da erschrecken wir freudig

ULRICH DEUTER

157 Meter hoch, 144 Meter lang, 407 000 Kubikmeter gotischer Raum: der Kölner Dom ist 750 Jahre altVON ULRICH DEUTERNichts im katholischen Köln ist so schwarz, nichts in der hemdsärmeligen Klüngelstadt so filigran wie er: der Dom.Schon Petrarca bewunderte das "herrliche Bauwerk", und Goethe empfand angesichts seiner "eine gewisse Apprehension".Für jeden Kölner steht der Dom da wie der Rhein fließt, doch Deutschlands größtes gotisches Bauwerk hat ein Geburtsdatum: heuer vor 750 Jahren. Das Dreivierteljahrtausend läßt sich Köln einiges an Feiern wert sein: Ausstellungen zu gotischer Baukunst und mittelalterlicher Glaubenswelt, Neubau der Schatzkammer, Kathedralkonzerte, zu denen Arvo Pärt mit einer Auftragskomposition beitrug.Alles in allem ein Festprogramm eher bildend-frommer Art, das am 15.August seinen Höhepunkt findet.Denn an Mariä Himmelfahrt 1248 legte Erzbischof Konrad von Hochstaden den Grundstein zum Neubau von "St.Peter und Maria". Ein knappes Jahrhundert zuvor war der Bischofssitz Heimstatt für eine Art Beutekunst geworden: die Gebeine der Heiligen Drei Könige, deren sich Rainald von Dassel, Kanzler Barbarossas, in Mailand bemächtigt hatte.Dieses Symbol christlicher Herrscherwürde verlangte ein besonderes Haus, an Stelle der karolingisch-ottonischen Großkirche sollte eine noch größere errichtet werden, in jenem neuen, vom französischen Königsgeschlecht der Kapetinger protegierten Stil, dem (später abwertend so genannten) gotischen.Die schwindelerregend hohen, deckenlastfreien Räume, die lichtflutenden Fensterwände gotischer Dome müssen den Zeitgeist förmlich elektrisiert haben, denn vom frühen 12.Jahrhundert an verbreitete sich diese Baumode rasch über halb Europa.Mit ökonomischen Motiven allein ist die Gotik-Euphorie nicht zu erklären, vom adeligen Auftraggeber bis zum handlangenden Tagelöhner war jeder Kathedralbauer davon überzeugt, am Abbild des himmlischen Jerusalems mitzuwirken - an einer Gegenwelt zur alltäglichen Angst und Not des Mittelalters. Der erste Kölner Baumeister hieß Gerard und hatte sein Wissen aus Amiens.Sein rheinisches Werk schritt zügig voran, schon nach fünfzig Jahren war der Chor samt Chorumgang und siebenteiligem Kapellenkranz vollendet, wenig später, um 1320, setzte man, in 15 Metern Tiefe, die Fundamente des Langhauses, 1360 die des Westwerks mit seinen zwei Türmen.Der südliche gedieh bis zum Portal samt Aposteln und Propheten, doch blieb das "Peterstor" das einzige im Mittelalter vollendete.Zwar wuchsen bis zur Mitte des 16.Jahrhunderts Längsschiffe und Westwerk kontinuierlich und auf stilistisch überraschend einheitliche Weise, doch 1560 endete abrupt alle Bautätigkeit.Das Langhaus blieb eingeschossig, das Westwerk stockte bei einer Turmhöhe von 54 Metern.Das als größte Kathedrale der Christenheit begonnene Unternehmen legte sich in einen dreihundertjährigen Schlaf.In dessen Alpträumen zerstörten die Élégants der Barockzeit wertvolle Teile der "barbarischen" mittelalterlichen Sakralkunst, mißbrauchten französische Revolutionstruppen das Gotteshaus als Vorratslager.Nur noch der auf dem Stumpf des Südturms stehengebliebene hölzerne Baukran erinnerte an die Vision vom Abbild des Himmels auf Erden. Eine ganz andere Vision erweckte den Torso: die deutsche.War Heine im "Wintermärchen" der entschiedenen Auffassung, "eben die Nichtvollendung / Macht ihn zum Denkmal von Deutschlands Kraft / Und protestantischer Sendung", so war für Schlegel, Görres, Schinkel, vor allem jedoch für den Romantiker Friedrich Wilhelm IV.der Weiterbau des Kölner Doms gleichbedeutend mit der Errichtung der deutschen Nation.1842 begann der Fortbau, als Garant für ein stilistisch reines, hochgotisches Monument diente ein Fassadenriß von 1320, der 1814 entdeckt worden war.1880, nach 632 Jahren und zwei Monaten, war das christlich-nationale Gesamtkunstwerk vollbracht: 157 Meter hoch, 144 Meter lang, 407 000 Kubikmeter gotischer Raum. Dessen nie enden werdenden Weiterbau nun Barbara Schock-Werner betreut, Dombaumeisterin ab diesem, dem Jubiläumsjahr (vgl.Tsp v.28.Februar).Die von ihr geleitete Bauhütte ist eine Dauerinstitution mit sechzig Spezialhandwerkern: Steinmetze, Glas- und andere Restauratoren."Wenn der Dom fertig ist, geht die Welt unter", heißt ein Kölner Sprichwort."Der Stein muß ständig beobachtet werden, auch wenn seine Umwandlung in Gips durch den sauren Regen zurückgegangen ist", sagt Schock-Werner.Die Gipsschicht, besonders schlimm bei Fassadenfiguren, soll nun mittels Laser entfernt werden; Ersatzsteine werden seit 20 Jahren erfolgreich mit einer Spezialchemikalie imprägniert.Zur Zeit werden die Fialen und Wimperge der Türme saniert, ihre Anker sind verrostet.Niemand der heute Lebenden wird den Dom je ohne Gerüste sehen.Aber wer an einem solchen Bauwerk arbeitet, denkt ohnehin in anderen Dimensionen."Jüngst hat Arnold Wolff" - ihr Vorgänger - "das Dach saniert.Er meint, nun hält es die nächsten fünfhundert Jahre." Sich um eine gotische Kathedrale zu kümmern gleicht der Zumutung, für den Zustand der Alpen verantwortlich zu sein; die Schwäbin Schock-Werner begegnet dieser Herausforderung, indem sie das Kölner Gebirge in Aufgaben unterteilt: Neben dem Stein ist es das Fensterglas, das unter der Umwelt leidet - außen, wo die Farbschicht sitzt.Innen gilt es in der nächsten Zeit, mehr als 40 000 Ausstattungsstücke zu inventarisieren, das älteste ist das Gero-Kreuz aus dem 10.Jahrhundert, das berühmteste der Dreikönigenschrein.Hinzu kommt die wissenschaftliche Erforschung der Baugeschichte, die, einschließlich der Vorgänger, bis ins Jahr 50 zurückgeht.Und wo liegen die Vorbilder für die durchbrochenen Helme, die der (treu nachgebaute) Fassadenriß zeigt? Der Kölner Dom gehört dem Metropolitankapitel, "das könnte ihn theoretisch verkaufen." Praktisch allerdings würde schon der Austausch der in der Vierung hängenden 50er-Jahre-Lampenscheusale am Einspruch des Landesdenkmalpflegers scheitern.Ein größeres Problem aber bedeuten die bis zu drei Millionen Besucher jährlich: zwar ist das Binnenklima dank der immensen Raumgröße stabil, der Boden des Chorumgangs, ein historisierendes Mosaik des 19.Jahrhunderts, aber leidet so unter Schuhen und Kaugummis, daß seine Abdeckung erwogen wird.Mittlerweile betrachtet man die Beiträge der Neogotik als genauso erhaltenswert - ein gewöhnungsbedürftiger Gedanke. Hier im äußeren Chor, im Lichtspiel der größten erhaltenen bemalten Fensterfläche des 14.Jahrhunderts, kann man sich dem Eindruck, im Innern eines steinernen Buchs, einer gebauten Kosmologie zu stehen, am wenigstens entziehen - "da erstaunen wir fröhlich, da erschrecken wir freudig", rief Goethe an dieser Stelle aus.Die neuplatonische Lichtmetaphysik, die die ersten gotischen Baumeister der ¬Ile de France zur Auflösung der Wand in unerhörte Fensterflächen stimulierte, mag deren späte deutsche Kollegin sich nicht zu eigen machen, dennoch sieht sie es als ihre Aufgabe an, die "viel zu helle" Verglasung im südlichen Querschiff, ein Nachkriegswerk, demnächst gegen eine dunklere auszutauschen.Wie ihr überhaupt daran gelegen ist, dem Besucher "eine Schwelle deutlich zu machen".Denn das Faszinierende an diesem Bauwerk sei doch, daß es etwas außerhalb von Alltag und bürgerlicher Lebenszeit darstelle. Seit 1996 ist der Kölner Dom "Weltkulturerbe".Weiß, weiß wie das himmlisches Jerusalem aber wird er wohl nie wieder sein. Informationen zum Domjubiläum unter 0221/1642-1177

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