Kultur : Da haben wir den Salat

Die Komische Oper Berlin versucht sich mit Mark-Anthony Turnages „Greek“ am wirklichen Leben

Carsten Niemann

Okay, nicht uncool, die Location: Den Postbahnhof am Ostbahnhof hat sich die Komische Oper für die erste Studioproduktion der neuen Spielzeit ausgesucht, für „Greek“ von Mark-Anthony Turnage: eine 1988 entstandene Oper, die den Ödipus-Mythos in das Londoner East-End überträgt und die laut Plakat das „billige widerwärtige Leben in den Pubs“, Massenarbeitslosigkeit und Rassismus spiegeln soll.

Die Komische Oper also ganz dicht dran am wirklichen Leben. Turnage, der mit leichter Hand Jazz und Pop in seine Musiksprache integriert und sich vor Berio und Beethoven nicht tiefer verbeugt als vor Brubeck, gilt als Hoffnungsträger beim Werben um eine neue Publikumsgeneration: Um jene unberechenbaren Leute zwischen 16 und 36, welche die Stones mit dem gleichen Abstand hören wie die Kleine Nachtmusik, und die sich ein erfülltes intellektuelles Leben auch ohne Lachenmann vorstellen können. „Die neue Musik kann es sich nicht leisten, ihr angehendes Publikum durch Arroganz und Selbstgefälligkeit zu vergraulen“, lautet daher sein Credo. Das leidenschaftliche Plädoyer für seine Oper dürfte ihm Recht geben: Was das Team vom Dirigenten Michael Bartosch über das Orchester der Komischen Oper bis zu den vier jungen, stimmprächtigen Sängerdarstellern Peter Schöne, Aris Papagiannopoulos, Anne Katharina Thimm und Christina Niessen musikalisch bot, war so packend wie handwerklich gut gemacht. Doch die Geschichte, der das Engagement seiner mit großer Klangfantasie durch die Stile surfenden, rhythmisch zugreifenden Musik galt, blieb teils dunkel, teils enttäuschend.

Allein die ungünstig hallende Akustik und die nervende Lüftungsanlage brachten die Hörer auf einen Schlag um etwa 60 Prozent des Textesverständnisses. Ein Übriges tat die Übersetzung: „Du Mistkerl, du hast mich ausgetrickst“ – wenn das die Sprache des Eastends sein soll, dann kann man „shit“ auch mit „Da haben wir den Salat“ übersetzen. Um so wichtiger wurde Raik Knorscheidts Inszenierung. Die fand zwar mit dem Schauplatz (Abfertigungshalle eines Flugplatzes mit Gepäckband) einen adäquaten Raum für Ödipus’/„Eddys“ Suche nach einer Identität in der Postmoderne. Doch die Figuren blieben wenig originelle Karikaturen: Wenn der Sohn mit Converse-Turnschuhen von seinen Eltern flieht („ich gehe fort aus diesem miesen Zuhause“, wie der Sänger entsetzlich treuherzig deklamierte), dann glaubten wir daran allenfalls die Flucht des Ästheten vor Lockenwicklern und Plüschpantoffeln. Steven Berkoffs naives Libretto muss einmal funktioniert haben: Mit Wut inszeniert, als böse Polemik gegen soziale Kälte und Konsumgläubigkeit eines thatcheristischen Neoliberalismus, in dem ranzige Wärmestuben von den Bahnhöfen verbannt werden, und Prolls auf die glänzenden Steinfußböden gläserner Donutimbisse speien. Doch der kleine Schritt vom Postbahnhof zur Wirklichkeit wollte an diesem Abend nicht gelingen.

Bis 20. Oktober jeweils 21 Uhr.

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