Kultur : Da ist er wieder, der böse Wolf

JÖRG UTHMANN

Während in Berlin die jungen Wilden des britischen und amerikanischen Theaters auf die Pauke hauen, zeigen in London die Senioren, daß auch mit ihnen noch zu rechnen ist.An zwei aufeinanderfolgenden Abenden hatten auf den beiden Bühnen, die in der Kritikergunst ganz oben stehen, dem Almeida und dem Royal Court Theatre, neue Stücke von Edward Albee und David Hare Premiere.Albee hat sich schon seit langem angewöhnt, seine Stücke nicht in Amerika, sondern in Europa aus der Taufe zu heben.Er fühlt sich von seinen Landsleuten schlecht behandelt.Nach dem Welterfolg von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" wandten sie sich von ihm ab.Der verbissene Tiefsinn seiner Stücke war nicht das, was die Amerikaner vom Theater erwarten.Erst 1994 hatte er mit "Drei große Frauen" wieder einen Achtungserfolg, allerdings in einem winzigen Off-Broadway-Theater.Auch dieses Stück war nicht in New York, sondern in Wien uraufgeführt worden.

Jetzt also "The Play About the Baby".Die vier Personen, ein älteres und ein junges Paar, heißen einfach Man, Woman, Boy, Girl.Es ist die gleiche Konstellation wie in "Virginia Woolf".Und wieder spielt ein Kind eine wichtige Rolle.Damals war es der fiktive Sohn gewesen, mit dem sich die ältere Frau über ihre Unfruchtbarkeit tröstete.Jetzt beginnt der Abend mit einem Geburtsschrei und endet mit der Überzeugung der jungen Eltern, daß ihr Kind nie zur Welt kam.Zu dieser Überzeugung brachte sie das ältere Paar, nachdem es das Baby entführt hatte.Dazwischen hören wir allerlei über kinderstehlende Zigeuner, über Lust und Liebe, Penislängen und Sexualpraktiken, die Kenneth Starr bestimmt nicht gefallen hätten.Wir hören aber auch dunkle Andeutungen über ein Verhältnis zwischen Man und Boy und darüber, daß Boy Girl vielleicht nicht aus Liebe heiratete, sondern wegen ihres Geldes.

Von Zeit zu Zeit fallen die Schauspieler aus der Rolle und halten Ansprachen ans Publikum: "I am not an actress", sagt Woman und gesteht, sie habe eigentlich Journalistin werden wollen.Ihr Gatte kündigt die Pause an, indem er die Blasenschwachen vorsorglich seines Mitgefühls für das lange Warten vor der Toilette versichert.

Der Kritiker der "Herald Tribune" verglich Man mit Godot, "wenn Godot geruht hätte aufzutreten".Man könnte auch sagen: "The Play About the Baby" ist "Virginia Woolf", umgeschrieben von Samuel Beckett.Das mysteriöse Räuberpaar erinnert an Priestleys Inspektor aus dem Jenseits, das Aus-der-Rolle-Fallen der Schauspieler an Sabina, das kesse Dienstmädchen in Thornton Wilders "Wir sind noch einmal davongekommen".Albee kennt seine Theatergeschichte - vielleicht besser, als ihm guttut.

Wenn die kreativen Säfte fließen sollen, ist das Gedächtnis manchmal eine Last.Man begreift, wie groß die Versuchung gewesen sein muß, den Welterfolg von "Virginia Woolf" zu wiederholen.Doch mit der Verknappung zur Allegorie verlor das Original auch seine Vitalität.Übrig geblieben ist ein anämisches, manchmal etwas albernes Gedankenspiel im Niemandsland zwischen Dichtung und Wahrheit, zwischen Realität und Illusion.

Ein Gedankenspiel kann man auch "Via Dolorosa" nennen, den neuen Text von David Hare.Kurz zuvor war er noch mit dem "Judaskuß" zu sehen, zwei Schnappschüssen aus dem Leben von Oscar Wilde.Und dann trat er selber auf, mit einem Monolog über den Nahen Osten.In seinem Stück "Eine Weltkarte" (1983) sucht ein Mann, der sich mit dem Kreuzworträtsel der "Times" beschäftigt, "die Pest der Erde", beginnend mit Z - "Zionismus", schlägt ein anderer vor, und es kommt zu einem rabiaten Streit, der erst abebbt, als sich herausstellt, daß das Wort in Wahrheit mit S anfängt.

Doch der Streit hat Hare nicht ruhen lassen.Zweimal bereiste er Israel und Palästina, traf Juden und Muslime, Theaterleute und orthodoxe Siedler, israelische und arabische Politiker.Hare hat einen wachen Sinn für die politischen und religiösen Antagonismen, aber auch das scharfe Auge des Dramatikers für die bezeichnende Anekdote.Der Fanatismus der Siedler, die die Bibel lesen wie ein Grundbuch, wird ebenso lebendig wie die Korruption des Arafat-Regimes oder eine Theateraufführung, in der Araber die Capulets spielen und Juden die Montagues.Herausgekommen ist eine intelligente, unterhaltsame, manchmal hochkomische Reportage, die, ohne mit überraschenden Einsichten aufzuwarten, den zum Überdruß bekannten Konflikt anschaulicher macht, als es ein Buch oder eine Zeitung könnte.

Allerdings haben politische Monologe selbst bei den theaterbegeisterten Londonern einen schweren Stand.Nach drei Wochen mußte Hare dem Nachwuchs weichen.Kaum zu glauben, aber wahr: Der in Dublin geborene Conor McPherson ist erst 27 Jahre alt und hat schon seine dritte Londoner Premiere hinter sich."The Weir" (Das Stauwehr) ist sein bisher größter, von Publikum und Kritik bejubelter Erfolg.

Das Stauwehr steht irgendwo an der irischen Atlantikküste, wo sich die Melancholie des Landlebens nur mit Hilfe reichlicher Quantitäten von Bier und Whiskey ertragen läßt.Abends trifft man sich in Brendans Bar und läßt sich vollaufen.Doch an diesem Abend erscheint auch Finbar, der es in Dublin zu etwas gebracht hat, und bringt eine mysteriöse Frau mit, die nicht die seine ist.Vorsichtig wird der Neuling beschnuppert, das Gespräch wechselt zwischen konventionellen Artigkeiten und überraschenden Ausfällen, die auf tiefe Wunden schließen lassen.Doch hauptsächlich erzählt man sich Spukgeschichten - eine sehr irische Methode, sich gegenseitig kennenzulernen.Und siehe: Am Ende hat jeder etwas von seinem persönlichen Geheimnis preisgegeben.McPherson bestätigt die alte Weisheit, daß die Stätte unserer intimsten Geständnisse weder der Beichtstuhl ist noch die Couch des Psychoanalytikers, sondern die Theke.Daß er sich diese Weisheit nicht angelesen, sondern durch wiederholte Lokaltermine hart erarbeitet hat, ist wohl anzunehmen.

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