Kultur : Da ist nicht nur der Dada-Max!

NICOLA KUHN

Ein Programmbild par excellence, ein echter Künstler-Warenkatalog: In "Painting for young people" (1943) faßt Max Ernst wie in einem Setzkasten noch einmal seine unkonventionellen Arbeitsmethoden, die verschiedenen Motive der letzten Jahre zusammen.Die jungen Leute der Neuen Welt mögen sich daraus auswählen, was sie von dem aus Europa emigrierten Künstler gebrauchen können.Die wuchernden Wälder etwa, die sich über geheimnisvolle Antikenruinen legen, oder jene endzeitlichen Landschaften, die der Maler mittels Décalcomanie, einem Abklatschverfahren, entstehen ließ.Max Ernst, der Steh-auf-Künstler, der als 43jähriger noch einmal ganz von vorne beginnt, nachdem er aus seiner zweiten Heimat Frankreich die Flucht antreten mußte, scheint in dem Gemälde seine Fähigkeiten beinahe anzupreisen.Und doch ist das Werk Resümee, Ausgangspunkt für einen Neubeginn, wie seine späteren Arbeiten zeigen sollen.

Immer wieder hat sich dieser vielseitige Künstler neu erfunden, meist eher freiwillig den Aufbruch zu anderen Ufern gewagt.Auch der zwei Jahrzehnte zuvor während der Kölner Dada-Zeit entstandene Entwurf für ein Ausstellungsplakat, das vermutlich für eine Schau in der Düsseldorfer Galerie "Mutter Ey" gedacht war, ist eine solche Zusammenfassung: diesmal des Lebens von Max Ernst, der kurz darauf nach Paris übersiedeln sollte."Max Ernst ist ein Lügner, Erbschleicher, Ohrenbläser, Ehrabschneider und Boxer", poltert der Künstler in seiner Selbstdarstellung los und schaut doch ganz charmant auf einem Urlaubsfoto drein, auf dem sich die diversen Motive der letzten Jahre türmen: die Collagen mit Strickelementen aus Warenkatalogen, die malerisch bearbeiteten Biologieprospekte, die durch minimale Veränderungen kolossal verfremdeten Medizindarstellungen.

Dieser Max Ernst ist eben nicht zu fassen.Er entschlüpft sich selbst immer wieder in den phantasmagorischen Motiven, die alles bedeuten können, von jedem etwas in sich tragen.Die Neue Nationalgalerie versucht dennoch mit einer großen Retrospektive sein Werk zu erfassen, genau zwanzig Jahre, nachdem aus Anlaß von Max Ernsts Tod dort schon einmal ein breit angelegter Rückblick zu sehen war.Und wieder besorgt Werner Spies, der langjährige Freund und beste Kenner dieses Künstlers, heute Direktor des Pariser Centre Pompidou, die Einrichtung für Berlin, ebenso für München, wohin die Schau wie damals als zweite Station wandern wird.

Nicht weil es ihnen an besseren Ideen gemangelt hätte, wie die kommissarische Nationalgalerie-Direktorin Angela Schneider betonte, sondern um diesen Künstler einem jungen Publikum vorzuführen, das ganz anders mit den Medien aufgewachsen sei, stehe Max Ernst auf dem Programm.Dieser Zusatzerklärung bedarf es eigentlich nicht, denn noch immer vermag der Universalkünstler zu überraschen.Die vom Verein der Freunde der Nationalgalerie finanzierte Ausstellung, die mit Hilfe großartiger Leihgaben noch einmal ganz andere Seiten seines Werks beleuchtet, steht für sich.Die multimediale Bilderschleuse am Anfang mit ihren metergroß projizierten Bildmotiven, zu denen die von Ernst so geliebte Strawinsky-Musik aufspielt, erübrigt sich eigentlich damit.Gegenüber dem, was im Anschluß zu sehen ist und ein MTV-geschultes Nachwuchspublikum von zuhause kennt, wirkt dieser Einstieg ohnehin antiquiert.

Er selbst hat sich in den Medien, wenn auch nicht den technischen, wie ein Fisch im Wasser bewegt.Fast konventionell von der Malerei kommend, wie die drei frühen Gemälde der Jahre 1916 bis 1919 mit Anklängen an Chagall und Macke zeigen, beginnt er schon bald mit neuen Techniken zu experimentieren.Der einstige Kunstgeschichtsstudent, der auch Vorlesungen in Philosophie und Psychologie besuchte, verarbeitete alles, was ihm unterkam: die magischen Visionen, die ihm die Lektüre Freuds eingaben, die kantigen Buchstaben und Zahlen, denen er beim Brotjob in einer typographischen Werkstatt begegnete.

Der Dada-Max ist hier in seinem Element, er selbst verkörpert das Prinzip der Collage: immer offen für Impulse, immer auf seine Umgebung reagierend.So schlägt sich der Krieg, den er als Feldartillerist erlebte, ebenfalls in seinen Bildern nieder, indem er Projektile, Bombe, Fliegercockpits aus illustrierten Frontberichten integriert."Wir jungen Leute kamen betäubt aus dem Krieg zurück, und diese Empörung mußte sich irgendwie Luft machen", so Ernst.Doch subtil, wie es diesem Dichterfreund zukommt, etwa bei der "Chinesischen Nachtigall" in Anspielung auf ein Märchen von Hans Christian Andersen, das vom Tod durch die Mechanisierung handelt.

Werner Spies nimmt den Besucher an die Hand auf eine Reise durch Leben und Werk eines Ausnahmekünstlers.Chronologisch führt er durch die Räume, läßt nach kleinem Zwischenspiel in einem Kabinett für Papierarbeiten im Gartensaal des Mies van der Rohe-Baus mit großen Formaten und Max Ernsts wichtigster Skulptur, dem "Capricorne", zum Tusch anschwellen, darunter Bilder wie der tobende "Hausengel" (1937), zuletzt Titelbild der "Deutschlandbilder"-Ausstellung, oder die zum Monstrum mutierte Chiffre für Liebe in den "Erwählten des Bösen" (1928) aus dem Bestand der Nationalgalerie.Die hervorragend gehängte Ausstellung fügt immer wieder Werkgruppen zusammen, die für sich sprechen: die Wald-, die Horden-, die Städtebilder, die "Flugzeugfallen" oder auch nur jene drei kleinen Gemälde in Schwarz, in denen Max Ernst die verschiedenen Techniken zur Hervorholung des farbigen Grundes ausprobierte.

Für sich selber muß der Besucher allerdings die drei auf die Ausstellung verteilten Versionen des "Capricorne" addieren - die Originalreste aus Zement, den Gipsabgruß und schließlich die Bronze.Noch nie waren sie zusammen zu sehen; eine kleine Sensation stellt die aus Berliner Privatbesitz stammende Urfassung dar oder vielmehr das, was nach der damaligen Demontage übrig blieb: Kopf- und Brustteil der Fischfrau, das Stierhaupt des Mannes, daneben sein Zepter.Ähnlich wie Picasso suchte sich Max Ernst seine Gußformen aus Alltagsgegenständen zusammen, Milchflaschen etwa oder Autofedern.Kaum glaublich, daß diese improvisierten Teile einst den archaischen Künstlersitz bildeten, auf dem Max Ernst über den Weiten Arizonas thronte.Über seine Tochter Dallas gelangten in die Ausstellung außerdem die Kopfstücke des ebenfalls zementenen Frieses.Mit den lochartigen Augenöffnungen haben die Figuren bis heute nichts von ihrer magischen Wirkung eingebüßt.

Mit ihrer eigentlichen Überraschung aber wartet die Ausstellung gegen Ende auf, lange nachdem Ernst den Dada-Max in Köln, den Surrealisten in Paris zurückgelassen hat.Längst ist er mit Dorothea Tanning wieder nach Frankreich zurückgekehrt, als sich noch einmal die Anregungen aus den USA ihren Weg bahnen.Die geometrischen Flächengliederungen, die sich auf den Minimalismus zurückführen ließen, werden nun abgelöst von großen, sphärischen Bildern, in denen das All-over der amerikanischen Abstrakten sein Echo findet.Das hälftig in Hell- und Dunkelblau geteilte Gemälde "Luft in Wasser gewaschen" (1969) erinnert etwa an Mark Rothko.Ernst spielt mit diesen kosmischen Motiven ganz offensichtlich auf die damals aktuelle Diskussion um Apollo und Raumfahrt an.Doch sowohl die poetischen Titel als auch das immer wieder auftauchende Mondmotiv zeigen seine Verwurzelung im romantischen Erbe.

Zur Verblüffung des heutigen Publikums, das vornehmlich den Dadaisten und Surrealisten kennt, zeigt sich hier ein Siebzigjähriger, der nicht nur auf der Höhe der damaligen Kunstdebatte steht, sondern auch aktuelle Fragen der Malerei "nach der Malerei" behandelt.In seinen späten Gemälden scheinen geradezu prophetisch die Neuen Medien als künftige Bildträger auf.Wenn auch erst sehr viel später nachzuprüfen sein wird, welche Künstler im neuen Jahrtausend überhaupt noch von Bedeutung sind: Max Ernst müßte eigentlich darunter sein.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Straße 50, bis 30.Mai; Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr.Katalog (DuMont Verlag, Köln) 39 Mark.Die Ausstellung wird begleitet von einem Filmprogramm Peter Schamonis, in dem drei seiner Arbeiten zu einer eigenen Schau vereint werden.

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