Kultur : Da kannst du von Glück reden

Bevor das Schiff gesunken ist: Modest Mouse und ihr unwahrscheinlicher Weg zum Ruhm

Gerrit Bartels

Man muss Isaac Brock wohl schon jetzt, in seinen frühen Dreißigern, einen Überlebenden nennen, einen Rock ’n’ Roll-Überlebenden. Brock ist Sänger, Songschreiber und Gitarrist der amerikanischen Rockband Modest Mouse und verfasste vor fünf, sechs Jahren Songzeilen wie: „Everything that keeps me together is falling apart.“ Oder: „Well, it took a lot of work to be the ass I am.“ Solche Zusammenbruchsfantasien, solche Entfremdungssymptome, so ein Selbsthass ließen, bei aller Koketterie, nur das Schlimmste für Brock befürchten. Doch er hat die Kurve gekriegt und scheint sich mit sich, seinen Dämonen und der Welt bestens arrangiert zu haben.

Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn Brock in Interviews zwar wenig zu seiner Musik sagt, weil er dazu kaum was zu sagen hat – er schreibt und spielt halt Songs –, aber umso lieber darüber plaudert, wie gesettlet er inzwischen ist. Brock besitzt ein Haus, sitzt abends auf dem Sofa, bekifft sich, weil das Fernsehprogramm dann sofort besser wird, und hin und wieder trinkt er sich auch noch für seine Auftritte locker. Alles aber im Rahmen, frei von Selbstdestruktion.

Verstärkt wird dieser Eindruck durch das neue, „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ betitelte Album von Modest Mouse. Es klingt zum einen wie ein Konzentrat des bisherigen Schaffens der Band aus Seattle seit Mitte der neunziger Jahre: bohrend, schneidend, mit überschlagend euphorischen Momenten, auf die immer wieder der nächste Absturz folgt. Das Album ist eine Festung und will das sein – hat man aber einmal Einlass gefunden, entfaltet es an allen Songecken und Songenden seine Reize.

Und so stellt es zum anderen eine einzige große Umarmung dar, getreu der Devise: Was kostet die Welt? Da findet sich mit der Vorabsingle „Dashboard“ ein veritabler Hit, der viel von dem Daddelgebaddel der Talking Heads hat und viel vom zupackenden Schneid einer Band wie Maxïmo Park. Dieser Song ist die ultimative Einladung zum Tanzen, denn schließlich hätte alles viel, viel schlimmer kommen können: „See, it wasn’t quite as bad as it could’ ve been.“

Da finden sich auf dem Album Hörner, Trompeten und heitere Backgroundchöre, unter anderem mit dem Shins-Vorturner James Mercer, da finden sich Mariachis und Geigen, Folk-Plänkeleien und New-Wave-Anleihen, und da sind zu all diesem Überfluss Modest Mouse noch verstärkt worden durch den einstigen The-Smiths-Helden Johnny Marr, der ein paar schöne Figuren und Töne an der Gitarre beisteuert, ohne entscheidend auf den Modest-Mouse-Sound Einfluss zu nehmen. All das demonstriert die Entschlossenheit dieser Band, die Herausforderung anzunehmen, die sich stellte, nachdem sie im Jahr 2004 mit dem Album „Good News For People Who Love Bad News“ berühmt und erfolgreich geworden war. Die Konsequenz daraus: „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ ist bei Erscheinen letzte Woche auf Platz eins der amerikanischen Albumcharts eingestiegen.

Dass es einmal so weit kommen könnte, war nicht unbedingt zu erwarten, nicht vor dem Hintergrund des Werdegangs dieses Mannes, seiner Band und ihrer Musik. Aufgewachsen in einem Trailerpark in der Umgebung von Seattle, schlug Brock sich als Anstreicher und Lagerarbeiter durch, bevor er sich ganz auf die Musik konzentrierte und damit seinen Unterhalt zunächst mehr schlecht als recht zu verdienen suchte. Anstatt aber nun einen aufgeblasenen Schmerzensmann wie Eddie Vedder zu geben, wie Mitte der neunziger Jahre so viele junge US-Musiker, oder in einer New-Metal- Band die Kelle zu schwingen, verlieh Brock seinen unguten Lebensgefühlen lieber in einer Indierockband Ausdruck. Diese war, wie sich das für eine Indieband gehört, zunächst unnahbar, knarzig, ohne sich aber bewusst als Gegenmodell zum amerikanischen Großrock zu verstehen, also ohne die Songs bewusst zerfasern oder schlecht klingen zu lassen oder gleich ganz zu zerstören.

Brock versuchte sich mit seinen Songs immer wieder an der großen amerikanischen Erzählung, als musikalische Entsprechung zu Richard Fords Erzählungen „Rock Springs“ oder Rick Moodys Suburbs-Drogenroman „Garden State“. Brock besang seine Herkunft, kokettierte mit Zeilen wie „This Is A Long Way To Drive For Someone With Nothing To Think About“ und schilderte die Welt der Trailerparks und Säuferhöllen, des „Lonesome Crowded West“ (so ein Albumtitel). Schon bald aber verlor er sich mehr und mehr auch in Drogenvisionen wie „The parasites are excited when you’re dead, eyes bulging, entering your head“, sah die Diamanten auf dem Gesicht des Teufels und fühlte sein Herz stillstehen, das Blut aber weiter durch seine Gefäße fließen. Brock ganz unten. Brock on Acid. Brock der Aushilfspoet, kurz vor dem Suizid, selbst als es blendend läuft: „The Good Times They Are Killing Me“.

Hier hatte einer die typischen Kurt-Cobain-Probleme, denn gute Zeiten gab es nicht nur durch LSD: Mit „Good News For People Who Love Bad News“ standen Modest Mouse plötzlich im Zentrum der Pop- Aufmerksamkeit, mit Chartnotierungen, einem Hit („Float On“), MTV– Awards-Nominierungen und Soapauftritten. Bis heute soll sich das Album eine Million Mal verkauft haben.

An so einem Punkt heißt es entweder, umzukehren, die Geister, die man rief, wegzuscheuchen und zu den Wurzeln zurückzukehren, mit unsicheren Erfolgsaussichten, siehe Kurt Cobain, siehe Nirvanas desaströses letztes Album „In Utero“. Oder eben den Weg weiter zu beschreiten, dem Mainstream geben, was des Mainstreams ist, Melodien für Millionen, kleine Verzierungen hier, größere Verschönerungen dort, aber immer im Rahmen des widerständigen Sounddesigns. Und siehe da „We Were Dead Before The Ship Even Sank“ repräsentiert, surprise, surprise, den zeitgenössischen Rocksound der USA und bestätigt die Hinwendung eines großen Publikums zum eher Schwierigen, weniger Gefälligen, weniger falsch Aufgeblasenen. Man denke auch nur an Bands wie die Shins, Arcade Fire oder Built To Spill, die mit ihrer Art von Indiepop oder Indierock Bands vom Schlage Nickelback, Limp Bizkit oder Creed den Rang abgelaufen haben.

Bei Modest Mouse erklärt sich der Erfolg dadurch, dass der sonst Korn- und Limp-Bizkit-hörende White Trash in Brock einen Gleichgesinnten hat und sich in Songzeilen wie „Any shithead who had ever walked could take this ship can do a finer job“ gut aufgehoben sieht. Und die studentische Jugend liebt vor allem die schwierigen, sich erst beim zweiten, dritten Hören erschließenden Songstrukturen. Aber auch Brocks kryptischen, oft auf spielerischen Antagonismen basierenden Lyrics, wie etwa „the years go fast, the days so slow“. Oder wie die im aktuellen Albumtitel verdoppelte Untergangsfantasie, die hinten im Booklet ergänzt wird durch die Zeile „We were lucky“.

Von Glück, egal in welchem Kontext, war im Modest-Mouse-Kosmos wirklich noch nie die Rede. Isaac Brock muss es tatsächlich gut gehen.

Modest Mouse: „We Were Dead Before The Ship Even Sank“(Epic/Rough Trade)

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