Kultur : Da kochen die Säle

Soul der frühen Jahre: „The Sapphires“ erzählt von Aborigines-Sängerinnen, die durch Vietnam tingeln.

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Wir sind schwarz. Das Aborigene-Quartett von den Sapphires. Foto: Senator
Wir sind schwarz. Das Aborigene-Quartett von den Sapphires. Foto: SenatorFoto: dpa

Soul ist die Musik der Unterdrückten und Ausgebeuteten. Erfunden wurde sie von schwarzen Musikern in den amerikanischen Südstaaten. Aber sie passt genauso gut zu den Aborigines in Australien. Die Bilder, mit denen „The Sapphires“ beginnt, könnten auch aus Georgia, Kentucky oder Tennessee stammen: sonnendurchflutete, endlos wirkende Felder irgendwo im Outback, armselige Holzhäuser und Veranden, auf denen die Familien der Farmer abends beieinandersitzen und singen. Die Menschen, die hier Ende der sechziger Jahre aufwachsen, mögen keine Zukunft haben. Aber sie haben Träume.

Die Aborigines-Schwestern Gail (Deborah Mailman), Julie (Jessica Maubay) und Cynthia (Miranda Tapsell) haben herausragende Stimmen. Seit ihrer Kindheit sind sie mit Folksongs bei Familienfeiern aufgetreten, nun träumen sie davon, dass ihr Talent ihnen hilft, herauszukommen aus dem Kaff und der Armut. Bei einem Talentwettbewerb in der Kneipe eines Nachbarortes werden sie von den weißen Gästen beschimpft: „Verfluchte Nigger, macht, dass ihr hier verschwindet!“ Sie singen trotzdem die Herzschmerzballade „Today I Started Loving You Again“, und nachher ist immerhin einer der Hörer schwer beeindruckt: der Organisator des Wettbewerbs, ein versoffener Pianist aus Melbourne (Chris O’Dowd). „90 Prozent aller Musikaufnahmen sind Scheiße“, sagt er. „Der Rest ist Soul.“

Dieser Dave Lovelace, der aus Geldmangel im Kofferraum seines Autos übernachtet, wird Manager der Schwestern, lässt ihnen Showkleider schneidern und studiert in einem Keller ein paar Motown-Nummern mit ihnen ein. Wenn sie, begleitet nur vom E-Piano, „I Heard It Through the Grapevine“ anstimmen, klingt das schon ziemlich sexy, aber Dave bittet immer wieder: „Könnt Ihr das noch etwas schwärzer singen?!“ Als die Cousine Kay (Shari Sebbens) zu den Schwestern stößt, sind The Sapphires komplett. Kay hat beinahe weiße Haut, als Kind war sie aus ihrer Familie verschleppt und zu weißen Adoptiveltern gebracht worden. Die Mädchen ergattern ein Engagement als musikalische Truppenbetreuerinnen in Vietnam. Gleich am ersten Abend treten sie in einem G.I.-Club in Saigon auf. „Wenn Ihr den Saal nicht zum Kochen bringt, sitzt Ihr morgen im ersten Flieger zurück nach Australien“, droht der Promoter von der US-Army. Doch der Saal kocht.

„The Sapphires“ ist der erste Kinofilm des australischen Regisseurs Wayne Blair. Er beruht auf der Geschichte der Aborigines-Schwestern Laurel Robinson und Lois Peeler, die einst in Vietnam für amerikanische Soldaten gesungen haben. Von den Schrecken des Krieges ist auf der Leinwand wenig zu sehen. Hubschrauber steigen auf, irgendwo detonieren Bomben, am Ende greifen Vietcong-Truppen ein Konzert an, bei dem die Sapphires auf der Bühne stehen.

Vietnam ist für die vier Mädchen ein großes Abenteuer, bei dem sie lernen, auf ihre Herkunft stolz zu sein. Kay, die zur Weißen umerzogen werden sollte, sagt selbstbewusst: „Ich bin schwarz, auf eine ziemlich helle Art und Weise.“ Und natürlich verliebt sich der weiße Manager in eines der schwarzen Mädchen. „The Sapphires“ ist ein märchenhaftes Musical, das Beste daran sind die mit Inbrunst vorgetragenen Songs. Eine mitreißendere Version von „Land of a Thousand Dances“ hat man lange nicht gehört. Christian Schröder

Colosseum Filmkunst 66, Moviemento

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