Kultur : Da kriegste doch die Motten

Michail Kononows fulminanter Roman „Die nackte Pionierin“

Peter Köhler

Alles war anders. Diese Erkenntnis drängt sich auf, sobald man sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Zuletzt haben die ehemaligen Untertanen des glorreichen Sowjetreiches diese Erfahrung machen müssen, viele ihrer Helden und Großtaten hielten der Nachprüfung nicht stand. Nur die hehren Mythen vom Großen Vaterländischen Krieg, die Erzählungen vom heroischen Kampf der Roten Armee, vom unbeugsamen Widerstand der trotz Hunger und Granaten ihre Menschlichkeit wahrenden Bevölkerung Leningrads gegen die Belagerung, vom einmütigen Hass der Sowjetmenschen auf die deutschen Aggressoren trotzten bislang dem Ansturm der neuen Zeit. Dass auch hier manche Mythen Märchen zum Verwechseln ähneln, führt Michail Kononows Roman „Die nackte Pionierin“ vor.

Maria Muchina, genannt Motte, ist keine 15, als sie ihre Eltern beim Vormarsch der Deutschen verliert und sich der kämpfenden Truppe anschließt. Erfüllt vom Glauben ans sozialistische Vaterland, begeistert vom militärischen Genie des väterlichen Generals Sukow (den der Autor wohl nicht bei seinem Klarnamen Schukow zu nennen wagte) und vom stalinistischen Elan des „Man muss“ durchdrungen, tut sie ihre Pflicht: Nicht an der Waffe, sondern auf der Pritsche, als Regimentsbraut. Nacht für Nacht kommen die Soldaten und schänden sie. „Auf die Nähe zu den Massen kommt es an!“, freut sie sich in aller Unschuld, wenn Mannschaft und Offiziere mit ihr zufrieden sind.

Wenn sie aber einmal Ruhe vor den Schändungen hat, träumt sie sich auf und davon: Dann unternimmt sie nächtliche Aufklärungsflüge bis nach Berlin oder fliegt nach Leningrad, ihrer Heimatstadt – und sieht, wie die hungernden Menschen zu Kannibalen werden. Oder sie erinnert sich an ihre Schulzeit, als sie ihren Deutschlehrer liebte und Wagner hörte. Oder ihr tritt General Sukow vors innere Auge, wie er 1941 die eigenen Soldaten als Versager niederschoss.

Zwölf Jahre dauerte es, bis das Romandebüt des heute 45-jährigen Kononow in Russland erscheinen konnte: Selbst als „Die nackte Pionierin“, noch in spätsowjetischer Zeit, einen Verlag gefunden und die Zensur passiert hatte, nahm keine Druckerei sie an, weil das Buch die Rote Armee und Marschall Schukow beleidige. Doch was manchen Veteranen eine schmutzige Fantasie dünkt, ist kein Hirngespinst eines Autors. Der Treibstoff, der der Fiktion das Leben einhaucht, kommt aus der Realität: Im Nachspann schildert Kononow, der heute in Landshut an der Isar lebt, seine Begegnung mit der ehemaligen Pionierin Valentina Wassiljewna, die wie andere Mädchen mit 14 an die Front gegangen war. Bei einer Truppeninspektion musste sie mitansehen, wie Schukow die eigenen Leute erschoss.

In einem furiosen inneren Monolog des Mädchens entfaltet Michail Kononow die Inhumanität des Krieges, die auch den nicht verschont, der für die gerechte Sache kämpft. Gerade weil Maria ein Kind ist, das nicht begreift und sich das grausame Geschehen nach den Vorgaben der Lehren von Partei und Staat naiv zurechtdeuten muss, treten die unmenschlichen Gräuel, die irreführende Propaganda und das Leid der Bevölkerung um so krasser ans Tageslicht. Gegen die reine Seele dieser Simplicia Simplicissima gehalten, wird nicht nur der Blödsinn von Krieg überhaupt, sondern auch der blutige Wahn der Stalinzeit schmerzhaft deutlich.

Erst das Groteske, die Fantastik und der schwarze Humor vermögen zuweilen eine furchtbare Realität als widersinnig und furchtbar ins Bewusstsein zu heben. „Kriegst die Motten!“, ruft Motte immer wieder angesichts einer aus den Fugen geratenen Zeit. Man kann es auch über Kononows fulminanten Roman sagen.

Michail Kononow: Die nackte Pionierin. Roman. A.d. Russischen von Andreas Tretner. Kunstmann, München 2003. 288 S., 21,90 €.

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