Kultur : Da müssen wir durch

„Goodbye Adolf Hitler!“: Die Berliner Volksbühne steigt endgültig in die Bewältigungsbranche ein

Peter Laudenbach

Adolf Hitler winkt mit beiden Armen ins Publikum und dann fängt er an zu singen: „Gebt mir mein Herz zurück, bevor es auseinander bricht.“ Er kann nicht gut tanzen, der Führer, aber er versucht es wenigstens. Mal stampft er mit dem linken Fuß auf, mal verdreht er gequält die Hüften. Und das Publikum im Zuschauerraum der Berliner Volksbühne dankt es ihm euphorisch: Es jubelt und applaudiert, der Führer verbeugt sich knapp und winkt mit Siegerposen ins Volk. Später wird er noch einmal auftauchen, und den Volksgenossen ein letztes Lied schenken: „Männer brauchen viel Zärtlichkeit“.

So sieht es aus, wenn die Volksbühne in die Bewältigungsbranche einsteigt: Hitler als putzige Marionette, liebevoll mit brauner Uniform und Hakenkreuzbinde ausstaffiert. Der Alptraum aus der Geschichte singt und performt wie ein Double von Herbert Grönemeyer. Wenn das Guido Knopp wüsste. Nach dem schaurig komischen Auftritt der Grönemeyer/Hitler-Puppe fragt man sich unwillkürlich, ob hier Antje Vollmers Forderung nach mehr deutscher Pop-Musik im Radio konsequent umgesetzt oder doch eher bösartig missverstanden wurde.

Jürgen Kuttner und die wie immer ganz hinreißende Sophie Rois veranstalteten am vergangenen Samstag in der Volksbühne „die ultimative Show“ zum Crossover von Hitler, Unterhaltungsindustrie, großer Samstagabend-Show und Historien-Pop: „Goodbye, Adolf Hitler!“ Einerseits: Eine lustig-zynische Volksbühnen-Revue mit befreundeten Künstlern, einer guten Rockband und kleinen Show-Einlagen. Andererseits: Die bei allem Sarkasmus durchaus ernst gemeinte Auseinandersetzung mit der Verwandlung von Hitler zum Pop-Phänomen, das gute Einschaltquoten und Auflagen garantiert und die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen mit sentimentalem Schauder vermischt. Eichingers Kino-Erfolg mit einer betont sensiblen, künstlerisch garantiert wertvollen Hitler-Darstellung markiert so etwas wie das heimliche Zentrum der Auseinandersetzung, um die es an diesem Abend geht.

Die Gebrauchsanweisung lieferte Jürgen Kuttner, in glitzernd schwarz-weißem Show-Frack als heruntergekommener Las-Vegas-Entertainer getarnt: Die „tendenziell bekloppte Show“, erklärte er zu Beginn des Abends, diene nicht der Unterhaltung, im Gegenteil. Aber angesichts der Auswüchse der medialen Vergangenheitsaufbereitung sei ein „Voodoo-Abwehrzauber“ nötig. Wenn uns Hitler schon dauernd von Kino-Plakaten und „Spiegel“-Covern entgegen lächelt, sei es nur eine Frage der Zeit, bis irgendein unbedarfter Fernsehredakteur auf die Idee kommt, die große Vierzigerjahre-Show zu erfinden. Und bevor es so weit kommt, nimmt die Volksbühne, erfahren in der Dekontaminierung ideologischen Giftmülls, die Sache lieber selber in die Hand. Das ist nicht schön, „aber da müssen wir jetzt zusammen durch.“ Abgesehen davon: „Hitler sells. Wir waren nach zwei Tagen ausverkauft.“ Kuttner: „Wenn ich mal Geld brauche, schreibe ich ein Kochbuch für Vegetarier. Wenn ich ,Hitlers Küche’ draufschreibe, wird das ein Bestseller, garantiert.“

Im Hintergrund der Bühne litt Bruno Ganz, das beste Hitler-Double aller Zeiten, in Großaufnahme, als Sophie Rois zur popmusikalischen Hitler-Schändung schritt. „Mister Adolf Hitler, weißt du, was ich leide“, hauchte sie mit blonder Perücke und züchtigem BDM-Look, und plötzlich war der Führer nur noch ein feuchter Traum.

Das also muss Kuttner mit „Voodoo-Abwehrzauber“ gemeint haben: Statt pathos-sattem „Untergang“-Kitsch und erhabenem Schauder die charmante Mythen-Demontage. Was nicht nur subversiver und lustiger, sondern auch sehr viel weniger obszön ist, als der Hitler-Pop der Medien. Wie der aussehen kann, führten die „Titanic“-Redakteure Martin Sonneborn und Oliver Maria Schmitt in ihrem Beitrag vor. Weil die Männer von Deutschlands einzigem Satire-Magazin unerschrocken in jede Kloake steigen, hatten sie die „Bambi“- Verleihung im Fernsehen verfolgt und waren bei dieser Gelegenheit zwei alten Bekannten begegnet: Helmut Kohl und Adolf H., dargestellt von Bruno Ganz. „Titanic“-Diagnose: „Kohl träumt davon, dass Bruno Ganz ihn spielt, wenn seine Memoiren verfilmt werden.“ Naja.

Jonathan Meese las ein Hitler-Märchen aus einem deutschen Volksbuch von 1943 vor und distanzierte sich von allen Ironie-Unterstellungen („Ich bin strikt neutral“). Henry Hübchen klebte sich ein Hitler-Bärtchen an, zog sich eine blonde BDM-Perücke über und zeigte, dass er mindestens so gut mit der Parkinson-Hand wackeln kann wie Bruno Ganz. Und am Ende vernichtete Sophie Rois den Hype um Eichingers Hitler-Film mit einem einzigen, grandiosen Auftritt. „Der Tag, als Adolf Hitler starb, das war ein schwerer Tag, und alle Freunde weinten um ihn“, sang sie. „Der Tag, als Adolf Hitler starb, das war ein schwerer Tag, weil in mir eine Welt zerbrach.“ Juliane Werding als Chronistin des deutschesten aller Untergänge, wer hätte das gedacht. Was die Aufarbeitung deutscher Befindlichkeiten in der Stunde Null betrifft, war der Auftritt von Sophie Rois Eichingers Film an analytischer Kraft, Glamour und moralischer Integrität jedenfalls weit überlegen.

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