Kultur : Da scheint die Musik still zu stehen

Sibyll Mahlke

Ist "Parsifal" noch Theater? Richard Wagner war überzeugt, dass es "der Kunst vorbehalten sei, den Kern der Religion zu retten". Im Herzen ein Christ, fühlte er tiefe Abneigung gegen Rom und den ganzen "katholischen Kram". Wagners Glaube ist als ein philosophischer Glaube zu sehen; der Theatromane wollte selbst der Erlöser sein, weil die Religion an Substanz eingebüßt habe. Unbehagen an der Zeit war ihm zur Obsession geworden, eine gefährliche Haltung (wie sich zeigen sollte), und so schreibt er, das "heiligste meiner Werke". Der Mythos der Erlösung geht in die Kunst ein, das heißt für den Dichterkomponisten: in das Drama. "Wir haben das Theater auf seinem Gipfel", erkennt Thomas Mann, "das letzte Werk Wagners ist auch sein theatralischstes."

Ritterträume von einer Märchenkirche

Peter Stein hat sich bei den Salzburger Osterfestspielen der schwierigen Aufgabe unterzogen, die Kunstreligion des "Parsifal" aus der Distanz des 21. Jahrhunderts abzubilden. Seine Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Claudio Abbado und den Berliner Philharmonikern hat 1997 einen grandiosen "Wozzeck" erbracht, später einen schwächeren "Simon Boccanegra". Für Abbado als künstlerischen Chef der Berliner Philharmoniker sind es die letzten Osterfestspiele, die er als Nachfolger Herbert von Karajans seit 1994 leitet. Obwohl er viel frische Farben in das Festival gebracht hat, mit Kontrapunkten für die Jugend, neuer Musik und kleineren Philharmoniker-Ensembles, bleibt es ein Treffen betuchter Förderer, deren Treue den Anschein der Unverbrüchlichkeit wahrt. Im Jahr 2003 übernimmt Simon Rattle, der neue Chefdirigent der Berliner, auch die Last und Lust der Osterfestspiele. Mit "Fidelio", inszeniert von Nikolaus Lehnhoff, will er seinen österlichen Operneinstand geben.

Wenn der Star der Aufführung, Claudio Abbado, sich im Orchestergraben befindet, hat der Regisseur es schwer, wider den Stachel zu löcken, und leicht, wenn er das musikalische Konzept teilt. Abbado dirigiert einen zugleich apollinischen als auch immer wieder sehr ausdrucksvollen oder lebhaft schnell bewegten "Parsifal". Hängt die Spannung etwas durch, wie bei der Schilderung des kläglichen Alltags der Gralsritterschaft aus Gründen ihres dahinsiechenden Königs, mag das dem Tief der Handlung anzulasten sein. Wie aber der selbe Gurnemanz, dramaturgische Stützfigur, im ersten Akt in langen Monologen die Vorgeschichte rezitiert, von der heiligen Herkunft des Grals, "darin am Kreuz sein göttlich Blut auch floss", bis zu dem verheerenden Racheakt des aus der Gemeinschaft verstoßenen Zauberers Klingsor - da ist die Musik äußerst beredt.

Die philharmonische Begleitung durchleuchtet die Exposition als Gegenwart. Dem entspricht Hans Tschammer in der Erzählerrolle: ein vitaler, ehrfürchtiger Gurnemanz mit vielen Möglichkeiten stimmlicher Dramatik. Auch in der greisen Gestalt des dritten Aktes wirkt seine Energie jung. In der Verführungsszene Kundrys, die Violeta Urmana zart und bruchlos intoniert, so dass als "Muttersegens letzter Gruß" der Kuss schon um dieses Singens willen unausweichlich erscheint, glüht die Partitur ebenso verführerisch auf. Parsifals Mutter stirbt, ihr Tod dient Kundrys Liebesplan: die Musik scheint still zu stehen in ihrem "Sehr langsam". Abbados Abschied und Orchesterzauber.

Peter Steins Inszenierung sperrt sich dagegen nicht. Sie folgt der Dichtung und der Partitur, ohne sie nach neuerer - keineswegs unberechtigter - Tendenz der Kritik zu unterwerfen. Die Gralsritter vollziehen das Abendmahlsritual, als träumten sie sich in eine märchenhafte Kirche: in der Nischenarchitektur, wie aus Birkenholz gezimmert, erhebt der sieche Amfortas (Albert Dohmen) die rot glühende Schale, seine Untertanen nehmen die Hostie, spenden sich den Friedensgruß, bis die Wunde des Gralskönigs das weiße Gewand erneut durchblutet.

Daran ist wenig Neues - und doch: wie Peter Stein die Darsteller vom Tölzer Knabenchor, deren Klang berauschend hervortritt, als Knappen durch die Szene bewegt, wie sie sich mit Weihrauchfässchen und der heiligen Schale im spielerischen Ernst bewegen, das hat etwas Unheimliches: so ist die Gralschule imstande, Kinder zu dressieren, und der "Parsifal" dennoch kein ungefährliches Stück. Die symbolistischen Bühnenbilder Gianni Dessis, die auf dem ersten Zwischenvorhang das Wundwasser des Gekreuzigten, auf einer weiteren Leinwand Sternschnuppen andeuten, gipfeln in einem goldenen Ring. Wie ein gewaltiger Heiligenschein erhebt er sich aus dem Ufer der Quelle, einem blautopfartigen Teich inmitten der Karfreitagswiese, um Kundry in ihrer neuen Gestalt als büßende Magdalena, Parsifal als Christus und Gurnemanz in seiner Rolle als Johannes der Täufer zu beschirmen: die Devotionalie als Theatermittel.

In diesem dramaturgisch fundierten Sinn wird Parsifal siegreich zum endzeitlichen Gralskönig, ohne dass der geretteten Ritterschaft der Untergang beschieden wäre. Nach Siegfrieds Scheitern im "Ring des Nibelungen" erglänzt hier das Bild vom nicht scheiternden jungen Helden; darin kann die Aufführung der Analyse des Wagner-Exegeten Hans Mayer folgen. Kundry kniet und sinkt aus dieser Haltung tot zu Boden. So steht es im Buch. Stein interpretiert nichts in die Rolle der "Höllenrose" und Büßerin hinein.

Mit böser Ironie verhöhnt der Klingsor Eike Wilm Schultes, ein eingefleischter Wagnersänger, den seinem Zauberschloß sich nahenden Parsifal: "Ihn schirmt der Torheit Schild". Ein Titelheld kommt auf die Bühne, den der Zuschauer anders als die Blumenmädchen kaum "holder Knabe" nennen möchte. Thomas Mosers Jahrzehnte lange Erfahrung aber hat eigenes Flair. Selbst wo die Stimme schon körnig klingt, imponiert ihr dramatischer Einsatz. Der reife, erlösende Gralskönig, das ist er allemal.

Im arabischen Paradies

Die heikle Szene mit den Mädchen in Klingsors Reich, die vielen Regisseuren misslingt, nimmt Peter Stein erstaunlich locker. Verschleierte Bräute, die in einer Art Heckenpark auftauchen, verwandeln sich mit ihrem Zaubergesang in eine Schar von Märchenprinzessinnen, regenbogenfarben gekleidet von Anna Maria Heinreich: ein bewegtes Bild zwischen Mirabellgarten und arabischem Paradies. Für Parsifal ergibt sich aus diesem Ambiente ein Labyrinth, der Beginn seines Irrweges. Endlich kommt auch das Kabel zum Tragen, das der sonst so einfallsreiche Lichtdesigner Joachim Barth den ganzen Akt über nicht verbergen konnte. Der Zuschauer ahnt die Absicht, die hinter dem Silberstreif steckt: Wenn Klingsor den Speer auf Parsifal schleudern soll, "welcher über dessen Haupte schweben bleibt", kommt die Waffe gemütlich, ohne Rücksicht auf musikalische Kongruenz, an dem Seil daher geschaukelt. So ist mit dem Flop des alten Theatertricks dafür gesorgt, dass es etwas zu Lachen gibt in diesem "Parsifal".

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