Kultur : Da schreibt ein Mensch

Briefe mitten ins Herz: Der Schauspieler Alexander Granach und das Drama der Emigration

Michael Eberth

Er kam von weit her, der Sohn des jüdischen Bäckers aus dem Dörfchen Werbowitz im k.u.k. Galizien, der am Anfang des vergangenen Jahrhunderts unter dem Namen Alexander Granach die Berliner Theaterszene eroberte, und hatte auf dem Weg vom rebellierenden Bäckergesellen zum Schauspieler so viel Welt in sich angesammelt, dass er auf der Bühne wie auf der Leinwand die Aura des Besonderen ausstrahlte. „Da geht ein Mensch“ nannte er seine Autobiografie, und wer dieses unvergleichliche Selbstporträt eines Künstlers liest, muss lange warten, bis er in die Szene des Theaters und seiner schillernden Helden eingeführt wird, weil das Herz des Autors an den Juden in den galizischen Schtetls und deren inzwischen verschwundener Welt hängen blieb: an den Patriarchenvätern mit ihrer moralischen Strenge, an den aufopferungsvollen Mamas, an den aufbegehrenden Söhnen und Töchtern, an einem Leben, das nur wenigen den Weg der Befreiung zeigte, der sich für Granach auftat.

Ein früher Tod hat verhindert, dass dieser eindrucksvolle Erzähler („Schreiben Sie, schreiben Sie, Granach“, hatte Brecht gesagt, „es ist großartig.“), der sein Buch mit dem Eintritt in die Berliner Theaterszene enden ließ, einen zweiten Band schreiben konnte, der den anderen Teil seines bewegten Lebens geschildert hätte: die Flucht vor den Nazis, die Jahre im polnischen und russischen Exil und schließlich die Zeit des Ringens um Anschluss an die Theater- und Filmszenen von New York und Hollywood.

Um so beglückender, dass jetzt unter dem Titel „Du mein liebes Stück Heimat“ die 279 Briefe veröffentlicht wurden, die er in der Zeit zwischen seiner Flucht aus Berlin im März 33 und seinem Tod in New York im März 45 an seine Frau Lotte Lieven schrieb, der als Schweizerin das Schicksal der Emigration erspart geblieben war. Als Jude und politisch engagierter Schauspieler, der mit Brecht und Piscator gearbeitet hatte, war er doppelt gefährdet gewesen. Da er die drohende Katastrophe früher als andere erkannt hatte, hatte er Berlin in einer der ersten Emigrationswellen verlassen.

Lotte Lievens Briefe sind nicht erhalten. Granachs Reaktionen spiegeln aber, wie ihm die Frau, die er seine „Heimat“ nannte, die Verhältnisse im Land der von Hitler Verblendeten darstellte. Mit einer Anschaulichkeit, die nur dem gelingt, der sich dem Empfangenden bis ins Tiefste verbunden fühlt, bezeugen sie aber vor allem die Mühsal der täglichen Kämpfe um Arbeit und Geld und ein Weiterkommen im Beruf, die ein zur Emigration verdammter Künstler auf sich nehmen musste, der im Berlin der zwanziger Jahre ein Star der Theater- und Filmszene gewesen war.

In Granachs Buch „Da geht ein Mensch“ ist ein Schauspieler zu bestaunen, der die Willenskraft aufbrachte, sich von Chirurgen die Beine brechen und begradigen zu lassen, weil Theaterleute seine krummen Beine als Handicap für seine Karriere betrachtet hatten. In den Briefen sind Energie und Optimismus eines Künstlers zu spüren, der in stetem Drängen die größere Herausforderung suchte. Er sah sie in dem Projekt des Sozialismus, den das „Mütterchen“, wie er die Sowjetunion nannte, auch als Gegenentwurf zum Faschismus verstand.

Über die alten Kontakte zu Piscator und anderen Freunden aus der Berliner Zeit bemühte er sich darum, an deren Theater- und Filmprojekten beteiligt zu werden. Reinhard Müller, der Erforscher der „Menschenfalle Moskau“, beschreibt in einem Nachwort zur Edition der Briefe, wie die politischen Illusionen Granach um ein Haar zum Verhängnis geworden wären. In der Zeit der Stalin’schen Säuberungen wurde er unter dem Verdacht trotzkistischer Neigungen vom Räderwerk des Terrors erfasst und in Haft genommen. Lion Feuchtwanger, den die Sowjets zu ihren Sympathisanten zählten, musste bei Stalin intervenieren, damit Granach freikam und sein „Mütterchen“ verlassen konnte.

Nach einer Zwischenstation in Zürich, wo er im legendären Ensemble des Schauspielhauses einen Macbeth spielte, emigrierte er in die USA. Mit der gleichen Energie, die ihm dreißig Jahre zuvor half, des Deutschen mächtig zu werden, brachte er sich dort das Englische bei – um nach kurzer Zeit an der Seite der göttlichen Garbo in Ernst Lubitschs „Ninotschka“ und später in Fritz Langs „Hangmen also die“ vor die Kamera zu treten.

Die Briefe, in denen Granach seine Odyssee beschreibt, ergeben ein farben-, bilder- und figurenreiches Panorama des Dramas der Emigration. Sie schildern die Psychosen und Ängste, Rivalitäten und Eifersüchteleien der nach Moskau, Zürich, New York und Hollywood Geflüchteten, aber auch deren Solidarität und immense Bereitschaft zur gegenseitigen Hilfe, und machen spürbar, von wie viel Sehnsucht nach der verlorenen Heimat, von wie viel Sorge um das Schicksal der von den Nazis Bedrohten, von wie viel Hoffnung auf ein Ende der „Zeit des Überwinterns“ das Leben in der Fremde geprägt war.

Die Schicksale von Legenden der deutschen Theater- und Filmgeschichte wie Albert Bassermann, Elisabeth Bergner, Bert Brecht, Ernst Busch, Ernst Deutsch, William Dieterle, Lion Feuchtwanger, Leopold Jessner, Fritz Kortner, Wolfgang Langhoff, Ernst Lubitsch, Carola Neher, Erwin Piscator, Max Reinhardt werden in Granachs Briefen aus dem historischen Augenblick heraus beleuchtet, was den Beschreibungen besondere Authentizität gibt. Sein Urteil über Weggefährten, die das Schicksal stärker begünstigt hat als ihn selbst, ist immer geprägt von dem Wissen, dass Millionen von anderen existenzieller Not ausgesetzt sind. Angelika Wittlich und Hildegard Recher, die Herausgeberinnen der Briefe, haben mit großem Engagement dafür gesorgt, dass die von Granach erwähnten Personen und geschichtlichen Ereignisse dem Leser in einem Anhang in schöner Ausführlichkeit nahekommen.

Noch bewegender als das, was Granach über seine Odyssee zu berichten hat, sind seine Versuche, die Liebe zu seiner Lotte lebendig zu halten, mit der er in den zwölf Jahren zwischen seiner Flucht aus Berlin und seinem Tod vom März 45 ganze zwei Mal zusammenkam, mit der er aber in all der Zeit in so kurzen Abständen Briefe austauschte, „dass immer zwei in der Luft“ waren. „Wenn unsre Beziehungen rein sexueller Art wären“, schrieb er seiner „ewigen großen Liebe“ im Juni 1942 aus Hollywood, „wäre ich Dir schon längst untreu, aber, gelobt sei der Ewige, ist das nicht der Fall. Wenn es einen wirklichen Himmel gäbe und einen wirklichen ‚lieben Gott'' und wenn ich vor seinen Richtstuhl käme und er zu mir sagen würde: ‚Hör mal, du kleiner König der Ostjuden, erkläre mir nur in kurzen Worten deine Liebe zu Lotte'', würde ich sagen: ‚Lieber Vater (…) aller Geschehnisse dieser Welt, wer als du könnte es besser verstehen, dass Lotte und ich sind etwas mehr als Adam und Eva, Romeo und Julia, als Othello und Desdemona. Lotte, der Inbegriff der menschlichen Ehrlichkeit, Gradlinigkeit, Freundschaftlichkeit, Reinheit, und ich, ein zigeunerhaft hin und her Geworfener mit einer ungeheuren Sehnsucht nach den Dingen, die sie hatte, wir trafen uns (…) und wurden jeder des anderen Sehnsucht und des anderen Zentrum.“

Alexander Granach: „Du mein liebes Stück Heimat. Briefe an Lotte Lieven aus dem Exil“. Hrsg. von Angelika Wittlich und Hildegard Recher. Ölbaum Verlag, Augsburg 2008, 472 Seiten, 29,90 Euro.

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