Kultur : Da wehen die Haare, da stieben die Federn

Günther Grack

"Lasst mich rein!" Der faltenreiche Theatervorhang, nach beiden Seiten geteilt, in heftiger Bewegung wallend, will dem Mann den Zugang verwehren. "Lasst mich rein!", ruft der Mann, dessen Lippen grellrot und überbreit geschminkt sind nach Art eines Clowns, und rennt abermals gegen den Vorhang an. Er will nicht länger mit Flickenjacke und Narrenkappe, wie sie zu Harlekin gehören, Faxen machen, er verlangt nach den großen Shakespeare-Rollen mit Krone und Schwert. "Lasst mich rein!"

Ein Schauspieler spielt einen Schauspieler, einer von heute, den man gut kennt, einen von gestern, von vorgestern, den niemand von uns mehr gesehen haben kann: Götz Schubert tritt im Berliner Maxim-Gorki-Theater als Edmund Kean auf, der es im Londoner Drury Lane Theatre im Jahr 1814 tatsächlich geschafft hat, "reingelassen" zu werden. Sein Debüt als Shylock im "Kaufmann von Venedig", bar aller Klischees der Rolle, wurde für den 26-jährigen Kean, der bis dahin als Possenreißer durch die Provinz hatte tingeln müssen, zum sensationellen Durchbruch. Nach dem klassischen Ebenmaß seiner Vorgänger, etwa des gefeierten John Kemble, war hier der Typus des romantischen Schauspielers geboren: dämonisch funkelnd, exzessiv ausschweifend. Der Dichter Samuel Taylor Coleridge rühmte ihn: "Kean sehen, heißt Shakespeare beim Schein von Blitzen zu lesen." Richard III., Othello, Lear, Macbeth, Hamlet, nach all den Shakespeare-Helden auch noch Barrabas, Marlowes "Jude von Malta" (den sich heute, im Wiener Burgtheater, Gert Voss zumutet): Kean, über Nacht zum Star geworden, muss wie im Rausch gespielt haben - und so auch gelebt. "Whisky und Huren" - sein Stern geriet alsbald ins Sinken, sein Leben, im Elend begonnen, nahm 1833 allzu früh in Suff und Siechtum ein elendes Ende.

Schon drei Jahre nach Keans Tod machte Alexandre Dumas ein figurenreiches Spektakel daraus: "Kean oder Unordnung und Genie", das wiederum Jean-Paul Sartre 1953 einer Überarbeitung unterzog und dem Schauspieler Pierre Brasseur auf den Leib schrieb; in Berlin gab es das Stück 1968 in der Freien Volksbühne mit Uwe Friedrichsen als Kean. Der Kean, den Götz Schubert jetzt Unter den Linden zeigt, trägt dagegen ganz allein ein Monodrama des Engländers Raymund FitzSimons, einen Zweiakter, der, in der Theatergarderobe des Drury Lane angesiedelt, den Schauspieler im Selbstgespräch wie in der Ansprache ans Publikum erst seinen Aufstieg, dann seinen Abstieg rekapitulieren, ja unmittelbar veranschaulichen lässt.

Eine Aufgabe, eigentlich nicht zu bewältigen, ist doch das Wesen individueller Schauspielkunst, der ganz persönlichen Ausstrahlung, allenfalls zu karikieren, nicht jedoch zu kopieren. Götz Schubert, blond und blauäugig, macht denn auch, unter Peter Dehlers Regie, gar nicht erst den Versuch, als Wiedergänger des eher kleinen, dunkeläugigen Kean zu erscheinen; er verkörpert indes auf seine Weise die unbändige Energie des ehrgeizigen Underdogs, die auf dem Weg nach oben schließlich in maßlos arroganter Egozentrik explodiert. In abgewetzter brauner Lederhose, das weiße Hemd halb offen, darüber mal die harlekinesk karierte Jacke, mal einen königlich roten Samtumhang (Kostüm: Hanne Günther), so tigert er mit wehendem Zottelhaar zwischen Sessel, Tisch und Spiegel (Bühne: Olaf Grambow) hin und her, greift von einer Schnapsflasche zur anderen, schlägt seine Zähne mampfend in Brot und Käse, besudelt sich mit Theaterblut aus dem Eimer, schwingt das lange Schwert und spießt es in ein Sofakissen, dass die Federn stieben - bis in den Zuschauerraum hinein. Ein schmaler Steg führt über die Rampe bis in die fünfte Reihe, Auftrittsort für die Auseinandersetzung des Juden Shylock mit dem christlichen Kaufmann: "Wenn Ihr uns stecht, bluten wir nicht?" Heinrich Heine, Augenzeuge jener legendären Londoner Aufführung von 1814, hat präzis geschildert, wie nuanciert, von jäh wechselnden Emotionen durchzittert, der originale Edmund Kean diese Szene gespielt hat. Götz Schubert beginnt ruhig beherrscht, lässt sich dann mit höhnischem Tonfall bäuchlings zu hündischem Kriechen herab, um am Ende die Schlussfolgerung in einen gellend lauten Schrei münden zu lassen: "Und wenn Ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?"

Es ist dies der stärkste Moment einer Aufführung, die, auf drastische Wirkungen bedacht, sich gelegentlich auch einen komödiantischen Scherz erlaubt: Da schminkt sich Schubert als Othello, der Mohr von Venedig, die eine Hälfte seines Gesichts schwarz, um beim Dialog mit Jago, rasch den Kopf wendend, mal eine dunkle, mal eine helle Haut zu zeigen. Alles in allem eine bravouröse Leistung - eine geniale wohl nicht. Götz Schubert kann sich nach der zweistündigen Tour de force, einer mitunter ermüdenden Materialschlacht, beim Premierenpublikum für allerfreundlichsten Beifall bedanken, zugleich freilich auch bei sich selbst: "Du guter Gott, was ist ein Schauspieler ohne sein Gedächtnis?", sagt er mit dem historischen Kean, der diese Frage klagend-anklagend an sich selber richten muss.

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