Kultur : Da zischeln die Blätter

Bodo Mrozek

Gibt es einen Bereich der Kultur, den das Medium Video in den vergangenen Jahren nicht grundlegend veränderte? Im Theater ersetzt der Monitor die dritte Wand, in der Oper flimmern Projektionen und die Bildende Kunst findet zu einem erheblichen Teil ausschließlich auf dem Bildschirm statt. Nicht weniger einflussreich ist das Video im Nachtleben. Kaum ein Konzert oder eine Tanzparty, bei der nicht im Hintergrund irgendwelche mehr oder minder bunten Bilder flimmern würden. Der Videojockey (VJ) hat es mittlerweile zum anerkannten Beruf gebracht. Im Idealfall sind die Projektionen ein passender Kommentar zur Musik oder sogar eigenständiges künstlerisches Geschehen. Was allerdings selten geschieht. Filme flimmern wahllos und uninspiriert über die Großleinwände, unfreiwillig unterbrochen von Bildschirmschonern und Auswahlmenüs. Und auch die perfekten, aber hektischen Effekte entfalten oft nur den Charme von Ware aus der Konservendose: hektisch und auf grelle Effekte bedacht. Volker Gerling ist da der etwas andere VJ. Er selbst bezeichnet sich als Daumenkinograph. Seine Fotoserien bindet er als Einzelbilder zu Daumenkinos zusammen. Die trug er auf einem Bauchladen als Wanderausstellung herum – von Berlin bis in die Schweiz – und zurück. Nun wirft er seine Bilderserien mit einem Projektor auf die Leinwand eines Clubs, was auch ein Akt der Entschleunigung ist. Und wenn Gerling das Geräusch des Abblätterns der einzelnen Seiten am 11. Oktober im ZMF (Brunnenstr. 10, Mitte, um 20 Uhr) von Lautsprechern verstärken lässt, könnte so etwas wie rhythmische Musik entstehen. Die DJs Dehghani und Mike Stone werden im Anschluss Tempo aufholen müssen.

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