Kultur : Dach und flach

Ein

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von Tobias Schwartz

Annchen von Tharau ist, die mir gefällt; Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld“, heißt es in Johann Gottfried Herders „liebem Hochdeutsch“, wo im Original des berühmten Liedes steht: „Anke van Tharaw öß, de my geföllt, Se öß mihn Lewen, mihn Goet on mihn Gölt“. Der Autor dieser Urfassung ist Simon Dach – ein Name, den heute so mancher nur noch dank der nach ihm benannten Straße in Berlin/Friedrichshain kennt. Besonders der zechende Kiezbewohner. Selbst angehenden Germanisten wird es nicht zum Vorwurf gemacht, wenn sie den Königsberger Barockpoeten nicht kennen. Gerade wäre er 400 Jahre alt geworden.

Vor der Pest und dem Dreißigjährigen Krieg ins neutrale und abgelegene Königsberg geflohen, verfasste der gebürtige Memeler und Protestant neben geistlicher Lyrik hunderte Lieder über die Alltagsfreuden: „Der habe Lust zu Wuerffeln und zu Karten/ Der zu dem Tantz/ und der zum kuehlen Wein…“, heißt es im Gedicht „Horto recreamur amoeno“. Dach wusste, was Feiern heißt. Günter Grass beschreibt in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“ eine Versammlung diverser Barockdichter – von Gryphius bis Grimmelshausen –, die langsam einen Hang zum Braunbier entwickeln. Davon lässt sich auch der Königsberger anstecken. Hinter Dach verbirgt sich bei Grass Hans Werner Richter, der Strippenzieher der Gruppe 47, deren erstes Treffen Grass in die Barockzeit verlegt.

Straße und Dichter verbindet indes mehr, als nur das Barockklischee des Derben und Deftigen. In „Horto recreamur“ überlässt Dach Wein, Tanz und Karten dann auch lieber den Anderen, entflieht dem Trubel und flüchtet in die Kunst: „Ich liebe nichts, als was in diesem Garten Mein Drangsals-trost und Kranckheit Artzt kann seyn, Jhr grünen Bäume, Du Blumen Zier, Jhr Hauß der Reyme, Jhr zwinget mir Dieß Lied herfür.“ Der seinerzeit berühmte Dach wendet sich ab von den trunkenen Reizen der Frau Welt und zieht sich in den Garten des Ännchen-von-Tharau-Vertoners Heinrich Albert zurück. Dieser Garten diente lange Jahre als Versammlungsort der Königsberger Künstlergemeinde.

Mit seinem Rückzug nimmt Dach das Schicksal der mittlerweile zur reinen Gastro-Meile verwandelten Straße vorweg, deren Ruf sich zu großen Teilen den Künstlern verdankt, die nach der Wende aufgrund der niedrigen Mieten nach Friedrichshain gezogen sind. Zwar gibt es hier noch die ein oder andere Galerie, mitunter auch Musik auf den Gehwegen. Die Künstler aber weichen wie Dach dem Trubel. Sie flüchten vor den Rucksäcken und Touristenbussen, wohnen mit ihrer Kunst im Wedding oder sind zurückgekehrt nach Kreuzberg. Vanitas – Vergänglichkeit heißt der berühmteste Topos des Barock. Die Dachabdecker sind am Werk, was immer währt, ist Oberfläche.

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