Kultur : Dada ist nicht gaga

Steffen Richter

Wenigstens eines kann man Peter Handke nicht nehmen: den Ruf als großer Literaturpreis-Verzichter. Vor ein paar Jahren gab er seinen Büchner-Preis von 1973 zurück, nun will er vom Düsseldorfer Heine-Preis nichts mehr wissen. Als Gottfried Benn 1951 den Büchner- Preis erhielt, war er auch nicht gerade unumstritten. Benn hatte anfangs Sympathien für die Nazis gehegt und dann als Stabsarzt der Wehrmacht die „aristokratische Form der Emigration“ gewählt. Gleichzeitig aber war er Schule bildend als Theoretiker und Praktiker des „absoluten Gedichts“. Nun, im großen Benn-Jubiläums-Jahr, haben Erhard Schütz und Thomas Wegmann an der Humboldt-Universitä t eine fünfteilige Vortragsreihe organisiert (Raum 3075). Sie beginnt am 19.6. (18 Uhr), wenn sich Wegmann unter dem Titel „Mit Spulwürmern schreiben“ Gedanken über „das Parasitäre in Benns Ästhetik“ macht.

Im Unterschied zu Benn, dem ehemaligen Büchner-Preis-Träger, kann man den zukünftigen glücklicherweise live erleben. Oskar Pastiors Sprachakrobatik entfaltet ihre volle Wirkung erst als akustisches Ereignis. Wer „potentat“ auf „attentat“ und „ruhmestat“ reimt, zeigt auch, dass Dada (eine von Pastiors Traditionsquellen) nicht gaga ist: Es geht um entautomatisierte Sprachwahrnehmung. Am 18.6. kommt Pastior mit Herta Müller zur Sonntagsmatinee (12 Uhr) ins Literarische Colloquium . Dann geht es um ein Erinnerungsprojekt, das sich mit traumatischen Orten der beiden rumäniendeutschen Autoren beschäftigt. Für Pastior ist es eine Gegend in der Ukraine, in die er nach dem Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit deportiert wurde. Im Oktober erhält er in Darmstadt den Büchner-Preis.

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