Kultur : Dadaismus: Kurtchen im Kabinett

Katrin Bettina Müller

Um vieles ärmer wäre heute unsere Kenntnis von Dada, hätte Hannah Höch nicht jeden Schnipsel ihrer Freunde Kurt Schwitters, Raoul Hausmann, Hans Arp und Theo van Doesburg aufbewahrt. Schwitters war dafür berühmt und berüchtigt, selbst aus dem Dreck der Straße jeden Fetzen, der möglicherweise in eine Collage Eingang finden könnte, aufzulesen und in die gleiche Tasche zu stopfen, aus der er den anderen Bonbons anbot - so zumindest schildert ihn Raoul Hausmann in einer Episode seines biographischen Romans "Hyle". Hannah Höch hob nicht nur Postkarten, Werbezettel, Programme und Einladungskarten auf, die ihr Schwitters schickte, sondern wachte auch über die Vorräte an Fundstücken, die er in ihrer Wohnung in den Hohlräumen der Dachschräge angelegt hatte.

In der Zeit der nationalsozialistischen Kunstsäuberung riskierte Hannah Höch viel, als sie die dadaistische Verzettelung in Kisten verpackt im Garten ihres kleinen Hauses vergrub. Zusammengefaltet überlebte so die Collage einer Freundschaft. Teile davon veröffentlicht die Berliner Kunsthistorikerin Eva Züchner, Leiterin der Künstler-Archive der Berlinische Galerie, jetzt in dreifacher Form: Eine CD lässt die Lautgedichte Hausmanns und Schwitters hören, interpretiert von Eberhard Blum, der sich um authentische Genauigkeit bemüht. Unter dem Titel "Kurt Schwitters und Raoul Hausmann schreiben im Kino eine Oper" wird erstmals eine Episode aus Hausmanns Epos "Hyle" veröffentlicht mit Fotos der handelnden Personen und historischen Schauplätze. Der dritte Streich ist eine Ausstellung des dadaistischen Druckmaterials in der Commerzbank am Pariser Platz.

Der Tag, an dem Schwitters eine Anzeige der Commerzbank zerschnitt, um seine Kunst fortan unter das Merz-Zeichen zu stellen, gilt als eine Geburtsstunde von Collage und Dada. Tatsächlich begann mit der anarchisch-poetischen Neuinterpretation des Werbematerials die erste intellektuelle Auseinandersetzung mit der Besetzung des öffentlichen Raums durch den Kommerz. Die Dadaisten mischten die Geräusche des Verkaufs ebenso wie die der politischen Propaganda als ein stets anwesendes Gemurmel in ihre Werke. So sehr ihre Inszenierungen einerseits den ästhetischen Kanon verwarfen und sich auf einer radikalen Subjektivität begründeten, so sensibel reagierten sie doch andererseits auf die Mentalität der Zeit. Man sieht durch Merzaktionen und Dada-Abende oft wie durch einen Zerrspiegel das attackierte Publikum.

"Was ist Seelenmargarine" fragt Hausmann in der Ankündigung eines Vortrages. "Wer den Pfennig nicht ehrt, ist die Valuta nicht wert", gibt Schwitters auf dem Umschlag eines Merz-Heftes mit auf den Weg. Seine Signatur ersetzte er durch einen Aufkleber, das Logo "Anna Blume". Ins Eckchen eines Plakates passte noch ein Kalauer, der wie ein Eiswürfel auf die neue erotische Freizügigkeit fiel: "Das Weib entzückt durch seine Beine, ich bin ein Mann, ich habe keine."

Man kann sich durch die Ausstellung lesen, die unter anderem der heutigen Club- und Flyerkultur einen historischen Vorgänger bietet. Zu den wenigen Farbklecksen gehören zwei Aquarelle von Hannah Höch; es sind ihre Entwürfe für eine "Frau des warmen Ofens" (1925). Der Torso ist rot und zylindrisch geformt wie ein Ofenrohr, der Kopf darüber blau, eckig und hypertroph. Wärmen kann man sich an beidem. Ob Hannah Höch sich selbst so sah, als sicheren und warmen Ort, von Freunden frequentiert und dann wieder zurückgelassen? Es ist zu befürchten.

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