Dälek im Urban Spree : Das Innere der Maschine

Niederwalzendes Dröhnen, unversöhnliche Texte: Die Industrial-Hip-Hop-Formation Dälek im Urban Spree.

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Unversöhnlich: MC Dälek.
Unversöhnlich: MC Dälek.Foto: imago/Votos-Roland Owsnitzki

Eigentlich ist es die beste Zeit für eine Band wie Dälek – eben weil die Zeiten so ungemütlich sind: Trump, Terror und Ungerechtigkeit, wohin man schaut. All die Untergangsszenarien, die die Industrial-Hip-Hop-Formation aus New Jersey seit mittlerweile zwanzig Jahren mit viel Wut und fiesen Noise-Beats in diverse Tonträger geätzt haben, scheinen Realität zu werden. Trotzdem stehen an diesem Mittwochabend kaum mehr als 100 Menschen im Urban Spree. Das erweckt eher den Eindruck, einen obskuren Underground-Act zu erleben und nicht zornige Propheten einer Welt am Abgrund, die viel mehr Publikum haben müssten.

„My people won’t kneel!“, keift MC Dälek zu Beginn von „Echoes Of“, dem Eröffnungsstück des aktuellen Albums „Endangered Philosophies“. Der massige, untersetzte Frontmann trägt komplett Schwarz (wie ein Großteil des Publikums) und hat um den Hals einen Anhänger in Form einer geballten Faust. Mit einem Schrei leitet er den „Absence“-Klassiker „Eyes To Form Shadows“ ein, der mit beglückender Heftigkeit in den Raum schreddert. In diesen Momenten klingen Dälek wie der sprichwörtliche Schraubenschlüssel, der in das Getriebe einer riesigen Maschine geworfen wird, die dann kreischend zum Stillstand kommt.

Auch die neuen, vergleichsweise ruhigen Tracks kommen live mit viel Wucht und versetzen die Anwesenden regelrecht in Trance – selbst wenn das bei Samples, die wie übereinanderschleifende Wrackteile klingen, schwer vorstellbar ist. Umso irritierender, als MC Dälek das Publikum beim Refrain von „Sacrifice“ zum call and response animiert – es bleibt bei diesem einen Versuch.

Dälek standen vor dem falschen Publikum

Es ist das Klangerlebnis Dälek, dieses alles niederwalzende Dröhnen, Heulen und Grollen, weshalb das Publikum gekommen ist, nicht die Hip-Hop-Anteile der Band. Auch MC Dälek scheint das zu spüren. Er rappt seine langen, unversöhnlichen Texte zwar mit Leidenschaft, aber mehr zu sich selbst, die Augen zugekniffen, das Mikro fest unter den Schirm der tief ins Gesicht gezogenen Basecap geklemmt. Die Ansagen sind spärlich, kein Wort zu Trump, nur ein kurzes Urteil über die USA: „That third world country, were we from.“ Unscharfe Projektionen von Malcolm X und prügelnden Polizisten sagen das Übrige.

Ein starkes Konzert, allerdings ohne Zugabe. Stattdessen beginnt sofort die Aftershow mit „I Want You Back“ von Jackson 5 – der verstörendste Moment des Abends. Es bleibt der Eindruck, dass Dälek vor dem falschen Publikum standen, selbst wenn sie in Europa viel mehr Fans haben als in ihrer Heimat. Doch in den USA stehen die Maschinen, die sie zerschmettern wollen.

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