Kultur : Däumlings Schrecken

„Heidi goes Christmas“ – das Kindertheaterfestival im Berliner HAU

Patrick Wildermann

Generationen von Kindern sind hierzulande mit einer Zeichentrickserie aufgewachsen, die im Original „Arupusu no shôjo Haiji“ hieß und deren deutscher Titelsong von Gitti und Erika gesungen wurde, wobei oft das Wort Holleradiho fiel. Sowohl das Lied als auch die japanische Serie handelten von grünen Wiesen, Sonnenschein und einem Waisen-Mädchen namens Heidi, das auf der Alm bei seinem kauzigen Großvater aufwachsen sollte, dem Alm-Öhi.

Es braucht ein wenig Einfallsreichtum, um in der weltberühmten Jodel-Ballade, 1880 von der Schweizer Schriftstellerin Johanna Spyri ersonnen, das Dickens-verwandte Weihnachtspotenzial zu erkennen. Aber um Phantasie waren die Theatermacher vom HAU ja noch nie verlegen. Deswegen haben sie ihr Kinder- und Jugendtheaterfestival, das um Märchen, Mythen und Heimweh-Malaisen kreist, „Heidi goes Christmas“ betitelt und sich als Eröffnungsproduktion eine sprühende Spyri-Bearbeitung der Schweizer Gruppe Kolypan eingeladen.

Die Schweizer Schauspieler Fabienne Hadorn und Michael Finger haben die Spyri-Romane („Heidis Lehr- und Wanderjahre“ und „Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“) beleben in ihrer atemlosen Nacherzählung, die Barbara Weber inszeniert hat, mit Verve sämtliche Rollen: das tapfere Heidi, den knurrigen Alm-Öhi, den verklemmten Geißen-Peter, das gestrenge Fräulein Rottenmeier. Als idyllische Berg-Kulissen genügen ein Pappkarton mit Gipfelzacken oder eine Almhütte aus Milch-Tetrapaks – kunstdienliches Alltags-Recycling. Befeuert vom südamerikanischen Musiker Gustavo Nanez, der vom Alpenglühen im Hubert-von-Goisern-Sound bis zum bollywoodesken Sitar-Techno alles drauf hat, mixen sie frohgemut Popkulturzitate in die Passionsgeschichte des jungen Wiesengewächses, das nach Deutschland zwangsverpflanzt wird und vor Heimweh einzugehen droht. Das hat Witz und Tempo – und würden die Hauptakteure nicht an einer Sprachkrankheit namens Schweizerdeutsch leiden, wäre es sogar durchweg verständlich.

Umso subtiler werden die Ohren in der italienischen Produktion „Buchettino – Der Däumling“ gefordert. Die Gruppe „Societas Raffaello Sanzio“ inszeniert Charles Perraults Märchen als archaisches Hörspiel-Erlebnis. In einer schummrigen Holzhütte liegt das Publikum in Etagenbetten und lauscht den Worten der deutschsprachigen Vorleserin Monica Demuru:Im Schein einer schaukelnden Deckenlampe lässt sie die grausige Mär vom Däumling und seinen sechs Brüdern erstehen, die von den verarmten Eltern im Wald ausgesetzt werden. Derweil toben auf dem Dach die Theater-Klangkünstler, die das Geschehen mit Füßchengetrappel und Menschenfresser-Gerülpse illustrieren. In besonders schaurigen Passagen schraubt auch Madame Demuru ihre Mikrofon-Stimme elektronisch ein paar Oktaven tiefer und klingt dann wie Volker Spengler. Eine betörende, für die Jüngsten hochspannende Performance. Märchen bereiten Kinder wundervoll auf die Härten des Lebens vor – etwa auf die Gefahren, wenn das Arbeitslosengeld der Eltern mal nicht mehr reichen sollte.

Beginnender Pubertätsverzweiflung widmet sich hingegen Sebastian Nüblings Baseler Bearbeitung des schwedischen Coming-Out-Dramas „Fucking Amål“ – von Schauspielprofis und Jugendlichen nach dem Pollesch-Motto „Ich schneide schneller“ gestaltet. Und weil bei einem HAU-Festival schließlich die ideologische Unterfütterung nicht fehlen darf, gibt es noch Konsumkritik in Zeiten der Lebkuchenvöllerei. Die Gruppe Norton.Commander untersucht Märchen auf ihre Kapitalismus-Haltung – etwa bei „Hans im Glück“. Na dann, fröhliche Weihnachten und Holleradiho.

HAU 1, 2 und 3, bis 18. Dezember

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