Kultur : Daheim im Silberfischhaus

Was sucht der Bär in der Stadt? Die Wolfsburger Ausstellung „Animalcity“ zeigt Mensch und Tier in friedlicher Koexistenz

Jens Hinrichsen

Nehmen wir die Berliner Lachmöven. Im Winter bevölkern sie die Geländer der Spreebrücken: flatterhaft, gesellig, tausendfach. Vereinzelte Melancholiker unter ihnen könnten ambulante Hilfe in Hartmut Stockters Vogelhaus-Skulptur suchen. Diese „Erinnerungsstätte“ mit Stranddiashow und Shantymusik will Zufluchtsort für heimwehkranke Möwen sein. Doch tatsächlich zielt der Künstler eher auf romantische Naturvorstellungen menschlicherseits. Doch nicht nur das Federvieh ist längst im Urbanen heimisch. Füchse, Waschbären oder Wildschweine gehören zu den Zuwanderern der Metropolen, Mückenschwärme und Kakerlakenkolonnen sowieso.

Berlin – wie Frankfurt oder Los Angeles – ist eine „Animalcity“, behauptet eine Ausstellung des Kunstvereins Wolfsburg und liefert mit Fotos, Videos, Skulpturen und Begleitvorträgen triftige Belege für eine weltweit zunehmende Landflucht der Tiere. Verblüffend: Das Sujet liegt seit langem vor der Haustür und war trotzdem bisher kein Anlass für Ausstellungen. Dabei arbeiten viele Künstler zum Thema, zwölf von ihnen hat Kuratorin Anne Kersten im Wolfsburger Schloss versammelt. Ihre Werke „werfen so ziemlich über den Haufen, was wir als ,artgerechten’ oder ,ländlichen Lebensraum’ definieren“, sagt Kersten.

War Problembär Bruno unterwegs nach München, um sich dort eine Bleibe zu suchen? In einer ihrer kleinformatigen, postsurrealistischen Collagen träumt Michaela Metzger vom ungestörten Nebeneinander eines Braunbären und zweier Kinder, die an einer künstlichen Kletterwand kraxeln. Tatsächlich ohne Berührungsängste streifen die herrenlosen, räudigen „Metro Dogs“ durchs Moskauer U-Bahn-Netz, die Melanie Manchot mit versteckter Kamera beim Betteln beobachtet hat. Ein Hundeleben. Die russische Seele bleibt ungerührt, kein Passant schaut auch nur von seiner Lektüre auf.

Wie weit sich die Kunst von symbolsatten bis kitschtriefenden Tiervorstellungen à la Wenn-der-Beuys-mit-dem-Kojoten entfernt hat, demonstriert die herrlich subversive Videoarbeit von Corinna Schnitt: Eine gutbürgerliche Wohnung wird Katzen, Hunden, Papageien, Ziegen, Eseln und einer Kuh überlassen. Die automatische Kamera in der Wohnzimmermitte dreht diverse 180-Grad-Runden und registriert, wie die Viecher das Goldfischglas leertrinken, den Perserteppich mit abgenagten Blumenresten übersäen und überhaupt die ganze gute Stube demontieren. Das Stück über eine freundliche Übernahme heißt „Once upon a time“: Früher lebten mal Menschen hier.

Wohlgeordnet bleibt das verkleinerte Badezimmerinventar im „Silberfischchenhaus“, das Rosemarie Trockel und Carsten Höller 1999 entwarfen. Ein Appell zur friedlichen Koexistenz von Mensch und Kleintier. Tierphobiker können auf Abstand bleiben, das Ganze funktioniert zugleich als Tageslichtprojektor und Silberfischchenschattenspiel. Es ist leider die einzige Arbeit, die leibhaftige Fauna in die Ausstellung bringt – wenn nicht der Shanty „Rolling Home“ eine Wolfsburger Möwe durchs offene Fenster hereinlockt.

Kunstverein Wolfsburg, bis 24. September. Katalog (Hatje Cantz) in Arbeit.

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