Kultur : Daheim in der Armut

Die Hexe ein Vamp, Gretel ein Teenie: Katharina Thalbach inszeniert in Dresden „Hänsel und Gretel“

Sybill Mahlke

Dresden im Advent. Die ganze Stadt verwandelt sich in einen Striezelmarkt (zum 572. Mal!). Und in der Semperoper leuchtet ein Märchenwald.

Einer der geheimnisvollsten Sätze in der Märchenoper „Hänsel und Gretel“ lautet: „Weißt du, was der Wald jetzt spricht?“ Die Dämmerung senkt sich, und es rauscht in den Bäumen, und die Kinder fürchten sich. In den Hörnerklang der Partitur von Engelbert Humperdinck mischt sich eine Solovioline. Gespenstisch sieht er aus, der deutsche Wald, wo gute und böse Geister in derselben Lichtung auftreten.

In der wunderbaren, wahrhaft märchenhaften Inszenierung von Katharina Thalbach an der Sächsischen Staatsoper „spricht“ der Wald wie nie zuvor. Es ist ein Märchenwald von hoher Kunstwahrheit, mitgestaltet von dem Maler, Bühnen- und Kostümbildner Ezio Toffolutti, dem auch Thalbachs „Schlaues Füchslein“ an der Deutschen Oper Berlin seine Existenz verdankt.

Die Welt des Kindes und die des Theatermachers, so Toffolutti, berühren sich in dieser Szenerie, deren Überraschungen von einer schlichten Kreidezeichnung ihren Ausgang nehmen: das Haus des Besenbinders. Ein Schattenspiel zeigt, dass die Ortsangabe „Daheim“ über dem ersten Bild des Librettos von Adelheid Wette eine trauliche Beschönigung ist: Es herrschen Kinderarbeit und Armut. In der minuziösen Personenführung lässt sich dann die Armeleuteluft förmlich riechen. Der heimkehrende Vater, der die Kinder mit Schrecken vermisst, ist eigentlich ein lieber Kerl, an dessen Ohr ein Ring aus besseren Tagen glänzt. Von Hans-Joachim Ketelsen wird die Rolle prächtig gespielt und gesungen: Die Freude über die verkauften Besen, das Glück kurzfristig geretteter Lebensumstände und ungeahnten Konsums. Für die Mutter (Kundry- würdig: Irmgard Vilsmaier) dominiert das rührende „Viertelpfund Kaffee“ in Goldpapier, für ihn die Kümmelflasche, sein Leiblikör.

Gerade wollen die Eltern sich erotischer Stunden erinnern, als das Unheimliche einbricht, Taktwechsel: „Eine Hex’, steinalt.“ Der orchestrale „Hexenritt“ erhält Sonderapplaus, weil, wiederum als subtil belebter Schattenriss, ein Auszug aus Grimms Märchenwelt zu bestaunen ist: Schneewittchen als Tänzerin mit den Zwergen, die vom Bergbau kommen, kleines Rotkäppchen, großer Wolf in Großmutters Nachthemd und die alte klassische Hexe aus dem Harzgebirge.

So reitet sie durch die Walpurgisnacht. Gretel (Anna Gabler), fast schon ein Teenie, überragt das klügere Brüderchen Hänsel (Antigone Papoulkas), und beide singen sie mit jugendlicher Intensität und Fertigkeit. Das Sandmännchen, das seine Abstammung aus der DDR hochhält, klingt sehr fein bei Lydia Teuscher, die als Taumännchen zur Eisprinzessin mutiert. Wie zappelig die Kinder einschlafen auf dem ungewohnten Nachtlager des Waldbodens!

Was sie aber schauen, ist eine zirzensische Engelpantomime, die aus alten Märchen und moderner Kinderphantasie gefügt ist, Eleven tanzen, dem Theater wachsen Flügel, Wolf und winzigster Engel ziehen den Vorhang zu. Mit der Sächsischen Staatskapelle musiziert Michael Hofstetter am Dirigentenpult klar, pointiert, dynamisch flexibel, fein abgestuft.

„Vierzehn müssen’s gewesen sein!“, 14 Engel, zählt Hänsel an seinen Fingern ab, als am neuen Morgen die strengste Prüfung auf die Geschwister wartet. Bei der Schildkröte „Ilsenstein“ frisst sich eine Riesenraupe – Toffolutti arbeitet mit dem Stilmittel unterschiedlicher Dimensionen – ins Knusperhaus. Den Kindern bietet sie Schutz vor der bösen Hexe.

Die lockt mit viel Zucker, Teddys und grüner Götterspeise in ihr Reich und sieht verteufelt anders aus als gewöhnliche Hexen: Ein Vamp in Rot, eine famose Charakterstudie von Iris Vermillion, Rosina Leckermaul at her best. Wie die Königin der Nacht bei Hans Neuenfels in der Komischen Oper gibt sie entlarvend den kahlen Kopf unter der Perücke preis, um immer hexenhafter zu werden.

Die Kinder aber kehren nach ihrem Sieg nicht zurück in die Realität des „Daheim“, sondern entscheiden sich aus freien Stücken für die Welt der Fantasie, der Utopie, der Märchen und des Theaters. Gretel: „Hast du denn alles dies auch gesehn?“ Hänsel: „Freilich, s’war wunderschön!“

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