Kultur : Daheim in der Kindheit

Aura Rosenberg, Fotografin aus New York, entdeckt Berlin auf den Spuren Walter Benjamins

Nicola Kuhn

Als Aura Rosenberg Anfang der neunziger Jahre zum ersten Mal nach Berlin kam, war ihr noch beklommen ums Herz. Denn die New Yorker Fotografin machte sich auf an den Ort, von wo knapp 60 Jahre zuvor ihre Familie geflohen war. Das DAAD-Künstlerstipendium ihres Mannes John Miller war für sie Anlass, gemeinsam mit der zweijährigen Tochter Carmen in das Land zurückzukehren, das ihr Vater immer noch Heimat nannte. Vielleicht kam es daher, dass sich sogleich ein Gefühl der Vertrautheit einstellte. „Ich war nicht darauf vorbereitet, wie sehr ich mich hier Zuhause fühlen würde“, sagt sie im Nachhinein.

Nun ist die 1947 geborene Amerikanerin erneut da, nur für eine Stippvisite, denn ihre Berliner Zweitwohnung ist untervermietet an norwegische Künstler. Aura Rosenberg und John Miller kommen normalerweise zwischen Mai und September in die Stadt zurück, die ihnen seit der ersten tastenden Begegnung vor 18 Jahren zur zweiten Heimat geworden ist. „Eigentlich schade“, sagt Rosenberg, denn sie liebt den Winter in Berlin, aber nur im Sommer hat das Künstlerpaar, das an der Hochschule lehrt, Semesterferien.

Die zierliche Fotografin ist für einige Tage zum Aufbau ihrer Ausstellung in der Galerie Sassa Trülzsch und zur Eröffnung wiedergekehrt. Schnell füllt sich der Raum, lauter Bekannte. An der Wand hängen Bilder von Kindern, die wiederum befreundete Künstler inszeniert und bemalt haben. Aura Rosenberg hat sie anschließend fotografiert. Von Karin Sander stammt die kleine Wanda, deren Gesicht unter lehmigem Wasser fast abgetaucht ist. Monica Bonvicini platzierte Julie in einer Zimmerecke. Das Gesicht des blondbezopften Mädchens steckt hinter einem geklappten Pappelement, das einer verkleinerten Ecke gleicht. Dieses Gemeinschaftsprojekt, bei dem Kinder zu Trägern künstlerischer Visionen werden und doch die Hauptdarsteller sind, verfolgt Aura Rosenberg, seitdem eine Kindergärtnerin ihre Tochter Carmen mit Gesichtsfarbe bemalte. Das war wie ein aufgestoßenes Tor in eine andere Welt, wo sich kindliche und künstlerische Fantasie miteinander vermählen.

Das Mittel des kindlichen Blicks hat die Fotografin schon einmal gewählt, damals, um sich Berlin anzunähern. Das daraus entstandene Buch bescherte ihr größere Bekanntheit, nicht zuletzt, weil es auf den Spuren eines berühmten Vorgängers wandelt: Walter Benjamins „Berliner Kindheit“. Eher zufällig gelangte die New Yorkerin an dieses schmale Werk, eine Sammlung aus 30 Texten und elf Fragmenten. Mit diesen Beobachtungen Berliner Szenarien versuchte sich der Philosoph 1932, kurz vor seiner Emigration, gegen Heimweh zu imprägnieren. Ohne es zu wissen hatte sich Aura Rosenberg mit ihren „Schnappschüssen“, wie sie sie nennt, bereits auf Benjamins Spuren begeben. Der Spielplatz ihrer Tochter nahe dem Savignyplatz lag genau gegenüber Benjamins alter Schule, und vom Balkon ihrer Freunde in der Grolmanstraße aus schaute man auf das ehemalige Wohnhaus des großen Denkers.

Nun wollte es die New Yorkerin genauer wissen, übersetzte sich mit Hilfe einer Freundin Schritt für Schritt die Benjamin-Texte und suchte die beschriebenen Orte wieder auf: die Felder bei Potsdam, wo Benjamin einst Schmetterlinge haschte, das Kettenkarrussel mit den hölzernen Pferden, die Pfaueninsel, das Schwimmbad in der Krummen Straße. Dort stellte sie die beschriebenen Szenen mit Hilfe ihrer Tochter Carmen und deren Freunden nach – eine Reise vor und zurück in der Zeit.

Schon Benjamins Beschreibungen waren ein Geistesflug in die Vergangenheit. Rosenberg nahm den von ihm geknüpften Faden deutsch-jüdischer Erinnerungen wieder auf und spann ihn weiter in die Gegenwart. Zu den eindringlichsten Aufnahmen gehört jenes Bild, das die kleine Carmen an der Hand ihres Großvaters zeigt, wie sie über die Bendlerbrücke gehen. „Wer weiß, vielleicht war er selbst dort auch einmal unterwegs an der Hand seines Kindermädchens“, überlegt die Fotografin. Mittlerweile hat der Arzt dem Großvater Besuche in Deutschland verboten, der Aufregung wegen.

Das Thema Benjamin aber lässt Aura Rosenberg nicht mehr los. Seit einiger Zeit beschäftigt sie sein „Engel der Geschichte“, dessen berühmteste Bildversion gegenwärtig in der Klee-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie hängt. Rosenberg stellt sich ein lustiges Buch dazu vor, vielleicht einen Comic, einen Animationsfilm. Mit ihrer Engel-Variante war sie bereits bei der Benjamin-Jubiläumsausstellung im Haus am Waldsee zu sehen. Damals meldete sich die Benjamin-Enkelin Chantal bei ihr, und die beiden Frauen befreundeten sich.

Chantals Tochter Lais ist ebenfalls im Band „Who Am I? What Am I? Where Am I?“ mit den geschminkten Kinderporträts vertreten. Ein kleiner Knopf, der beim Shooting begeistert in die Hände klatscht. Mit Lais als fotografierter Hauptdarstellerin könnte es auch eine Wiederauflage der „Berliner Kindheit“ geben, wer weiß. Rosenbergs erste Protagonistin, ihre Tochter Carmen, ist nun zu alt; ihre Berliner Kindheit ist vorüber. Ein Bild in der Ausstellung bei Sassa Trülzsch zeigt sie als junge Dame, die sich einen Schnurrbart schminkt. Das Modell hat komplett die Regie übernommen.

Galerie Sassa Trülzsch, Kurfürstenstr. 12, bis 20. 12.; Mi bis Sa 11–16 Uhr. Berliner Kindheit. Steidl Verlag, Göttingen 2002, 176 Seiten, 38 €. Who Am I? What Am I? Where Am I? Hatje Cantz Verlag, Stuttgart 2008, 200 Seiten, 39,80 €.

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