Dahlemer Sammlungen : Rückkehr nach Mitte in weiter Ferne

Provisorium oder Dauereinrichtung: Das Ethnologische Museum Dahlem ist ein Sanierungsfall. Eine Rückkehr nach Mitte wäre schon aus der eigenen Historie heraus folgerichtig.

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Sicherheitshalber verpackt. Die Afrika-Sammlung in Dahlem.
Sicherheitshalber verpackt. Die Afrika-Sammlung in Dahlem.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Das Museumsrestaurant „Esskultur“ ist seit Tagen geschlossen. Das Magazin-Gebäude ist eingerüstet und mit Planen verhangen, Betonpfeiler werden saniert. Deshalb schloss die Südsee-Abteilung vor zwei Jahren – das Ethnologische Museum in Dahlem ist eine Baustelle.

Vor über zehn Jahren fiel die Entscheidung, dass die Dahlemer Sammlungen nur ein Provisorium auf Zeit zu sein haben. Im Jahr 1999 wurde der Umzug aus den abgelegenen Altbauten in den Neubau mit der repräsentativen Adresse Schlossplatz 1 beschlossen, ins Humboldt-Forum. Vom „Schloss“ spricht man unter Wissenschaftlern ebenso ungern wie die Spitze der Humboldt-Universität oder der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. „Wir befinden uns lange genug in Geiselhaft der Schlossdebatte“, sagt einer, der nicht genannt werden will. Die Diskussion um das Schloss habe selten den Inhalt, sondern meist die umstrittene Hülle des Neubaus an historischer Stätte zum Gegenstand gehabt.

Dagegen hat die Perspektive, Sammlungen im Zentrum Berlins zu inszenieren, und die damit verbundene Aussicht auf ungleich größere Besucherströme die Dahlemer Museumsmacher immer schon fasziniert. Das dürfte sie auch über den erbärmlichen Zustand ihrer Häuser hinwegtrösten. Im Jahr 2003 löste sich ein Teil der Fassade und fiel direkt vor die Füße eines Staatssekretärs des Finanzministeriums. Dessen existenzielle Erfahrung dürfte die Entscheidung für einen notdürftigen Reparaturbetrieb beschleunigt haben. Heute flicken Mitarbeiter des Bundesamtes für Bauwesen die beiden Altbauten der 1960er Jahre sowie das Magazin: „Dahlem Funktionserhalt“ sagt man dazu im Verwaltungsdeutsch. Ausgebessert werden fast alle Bauteile: Elektroinstallation, Klimatechnik, Fassade, Feuerschutz – einfacher ist aufzuzählen, was nicht defekt ist.

Eine Rückkehr nach Mitte wäre für das Ethnologische Museum schon aus der eigenen Historie heraus folgerichtig. Die Keimzelle der Schau, die heute 500 000 Objekte und viele Tonaufnahmen, Fotos und Filme vereint, ist die „Ethnographische Sammlung“. Die hatte ihren Sitz im Neuen Museum auf der Museumsinsel. Als die Zahl von Ausstellungsstücken und Besuchern wuchs, entstand ein neues Gebäude an der Ecke von Prinz-Albrecht- und (heutiger) Stresemannstraße. Der Umzug nach Dahlem, wo das Magazin bereits seinen Platz hatte, folgte auf die Zerstörung des Stammhauses im Zweiten Weltkrieg. Er war allerdings bereits zur Kaiserzeit vorgesehen, wegen der dort vorhandenen freien Grundstücke. Bis 1915 entstand der Rohbau des „Asiatischen Museums“, später der langjährigen Heimstatt der Gemäldegalerie.

Neben der Tradition führen die wichtigsten Fürsprecher einer Rückkehr der Dahlemer Sammlungen nach Mitte die Zeitläufte ins Feld: Unsere multikulturelle, multiethnische Zeit verleihe den Sammlungen ein gewaltiges Potenzial. Einen Spareffekt durch die Verschiebung des Vorhabens Humboldt-Forum vermag keiner der Museumsleute zu erkennen.

Ähnlich äußerte sich Richard Schröder, Bürgerrechtler und Vorsitzender des Fördervereins Berliner Schloss: „Wenn die Dahlemer Sammlungen nicht in Berlins Mitte kommen, sind erhebliche Millionenbeträge nötig, um die maroden Gebäude zu restaurieren.“ Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz rechnet vor, man könne die 1995 für Dahlem auf 300 Millionen D-Mark geschätzten Sanierungskosten heute „eins zu eins in Euro übersetzen“: „Rechnet man noch einen Inflationsausgleich dazu, dann sind wir fast bei der Summe für das Humboldt-Forum.“ Die Dahlemer Sanierung muss der Bund finanzieren. Dabei wäre der Aufwand von zweifelhaftem Nutzen, denn Berlin-Touristen fahren nur noch selten nach Dahlem. Derzeit ist eine Voudou- Haiti-Ausstellung zu sehen – an einem anderen Ort wäre das ein Publikumsrenner.

Wer mit dem Chef der „Stiftung Berliner Schloss/Humboldt-Forum“, Manfred Rettig, spricht, merkt: Die Kuratoren der Dahlemer Sammlungen haben ihn längst überzeugt. Rettig schwärmt von der Idee, diese Zeugnisse „der Kulturen der Welt“ mit multimedialer Technik in Szene zu setzen. Dass die Kulturmanager aus dem Ethnologischen Museum die Richtigen für neue Ideen und Konzepte sein könnten, legt ihre Bespielung der „Dahlemer Baustelle“ nahe. Bei den letzten Weltmeisterschaften gab es im Museum public viewing – auch so kann man Volk und Kultur zusammenbringen. Und europäische und außereuropäische Traditionen.

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