Kultur : Dahlemer Träume

Eine Ausstellung dokumentiert die Zusammenarbeit von Emil Nolde und Mies van der Rohe.

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Um dieselbe Zeit, da sich Emil Nolde im nordfriesischen Seebüll ein Anwesen nach eigenen Plänen schuf, wollte er sich auch ein Haus in Berlin bauen – in diesem Fall allerdings von einem Architekten. Seine Wahl fiel auf keinen geringeren als Ludwig Mies van der Rohe. Ein Grundstück in Dahlem war bereits erworben, an der heutigen Englerallee. So weit, so bekannt. Der Entwurf selbst jedoch, der aus finanziellen Gründen schließlich unausgeführt blieb, kann erst jetzt exakt dargestellt werden, nachdem im Seebüller Archiv die von Nolde mit Anmerkungen versehenen Blaupausen des Architekten wie überhaupt der ganze Vorgang in einem Aktendeckel aufgefunden wurde.

Man staunt, dass angesichts der umfassenden Erforschung Noldes durch die von ihm selbst errichtete Stiftung solche Entdeckungen erst jetzt gemacht werden, mehr als ein halbes Jahrhundert nach Noldes Tod. Bereits Lilly Reich, Mies’ Berliner Mitarbeiterin, hatte 1947 nach dem Verbleib der Zeichnungen gefragt, als Mies seine erste Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art vorbereitete und seine Berliner Zeit angemessen vorgestellt sehen wollte. Im Archiv von Mies, das nach dessen Tod 1969 beim MoMA eingerichtet wurde, fanden sich auch erst um 1980 entsprechende Unterlagen, die nun ihr Pendant beim Auftraggeber Nolde erhalten haben.

Der Entwurf aus dem Zeitraum 1928/29 ist weniger spektakulär, als es Mies van der Rohes gleichzeitige Villenprojekte sind, insbesondere Haus Lange und Haus Esters in Krefeld oder die unlängst restaurierte Villa Tugendhat in Brünn. Zudem hatte Mies den Auftrag für den Deutschen Pavillon bei der Weltausstellung in Barcelona erhalten, der zu einer Inkunabel der modernen Architektur werden sollte. Für Nolde war ein zwar geräumiges, jedoch eher herkömmlich gegliedertes Haus vorgesehen, bei dem neben dem Atelier an der Nordseite vor allem ein 100 Quadratmeter großer Bildersaal hervorsticht. Hier wollte Nolde seinen Besuchern Arbeiten in einem galerieartigen Ambiente vorführen.

In diesem Bereich finden sich deutliche Hinweise auf den „fließenden Raum“, mit dem Mies van der Rohe in dieser Zeit experimentierte. Als dann der Architekt im Laufe des Jahres 1929 mit dem Entwurf nicht fertig wurde, die Zahlung einer gepfefferten „Wertzuwachssteuer“ für das unbebaute Grundstück drohte und zudem ein Anstieg der kalkulierten Baukosten um fast zwei Drittel absehbar wurde, blies der Maler das Vorhaben ab, mietete stattdessen eine Wohnung in der Bayernallee in Westend und verkaufte rechtzeitig genug das Dahlemer Grundstück.

Ein Modell des Miesschen Entwurfs ist jetzt gemeinsam mit Dokumenten zu Noldes Wohnungen und Wohnsitzen sowohl im Norden als auch in Berlin – wo sich der Maler seit dem Winter 1910/11 regelmäßig aufzuhalten pflegte – in der Berliner Dependance der Nolde-Stiftung zu sehen, gerahmt von Blumenbildern Noldes, der auch in Berlin einen großen Garten hätte anlegen wollen.

Der große Gewinn für die Forschung verbirgt sich allerdings in der Ausgabe der „Seebüller Hefte“, die dem Bauvorhaben gewidmet ist und dessen Einzelheiten darlegt. Wie auch die Umstände, die den Maler und den Architekten zusammenführten: Beide kannten einander bereits seit 1913 und blieben über gemeinsame Auftraggeber und Sammler verbunden. So fügt sich der auf den ersten Blick überraschende Vorgang, dass der expressionistische Maler einen Protagonisten des „neuen bauens“ beauftragt, beispielhaft in die intellektuelle Geschichte Berlins und der Weimarer Republik ein. Bernhard Schulz

Nolde-Stiftung Berlin, Jägerstraße 55, bis 7. Oktober, tägl. 10 - 19 Uhr.

Manfred Reuther/Rudolf Bertig: Nolde und Mies van der Rohe. Seebüller Hefte 02, 96 S., 14,80 €.

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