Daimler Sammlung im Haus Huth : Spitzentreffen mit Duchamp

Reich mir die Hand: Die Konzeptkünstlerin Bethan Huws arrangiert die Sammlung Daimler im Haus Huth neu - ganz im Sinne des Ready-Made-Erfinders Marcel Duchamp.

Jens Hinrichsen
Daimler Sammlung
Alles, was gut ist. Die Daimler Sammlung im Haus Huth.Foto: Hans Georg Gaul, VG Bildkunst, Bonn 2016.

Je mehr uns Maschinen und Roboter die Arbeit abnehmen, desto größer wird die Sehnsucht nach dem Handgemachten. Auch im Ausstellungsbetrieb stehen Künstler hoch im Kurs, die selber zeichnen, malen oder schnitzen und nicht nur mit der Computermaus hantieren. Unter dem Handarbeitsaspekt ist die Schau der walisischen Künstlerin Bethan Huws im Haus Huth nicht der Rede wert. Von den 130 Werken, die in der Ausstellung zu sehen sind, stammt kein einziges von ihr.

Die seit 2009 in Berlin lebende Konzeptkünstlerin arbeitet vor allem mit Sprache. Sie ist bekannt für ihre „Wort-Vitrinen“, Glaskästen, in deren schwarze Rückwand sie seltsame Sätze aus weißen Buchstaben montiert: „Piss off I’m a fountain!“ (2004) zum Beispiel verwies auf Marcel Duchamp, den Urvater der Konzeptkunst, der mit seinem zum Kunstwerk erklärten Urinal 1917 eine Kontroverse auslöste. Es trug passenderweise den Titel „Fountain“, übersetzt „Fontäne“. Mit wissenschaftlicher Akribie widmet sich Bethan Huws seit Jahren dem Duchamp’schen Kunstbegriff und knüpft immer wieder bei dem Erfinder des Ready-Made an.

Die Anordnung widerspricht musealer Vermittlungsarbeit

Mit ihrer Auswahl aus den insgesamt 2700 Kunstwerken der Daimler-Sammlung schafft die Waliserin nun eine Art Ready-Made-Ausstellung. Im Prinzip wirkt Huws hier als Kuratorin, doch präsentiert sie die Arbeiten von knapp 100 Künstlern auf eine Weise, wie es ernsthafter Vermittlungsarbeit im Museum völlig widerspricht. Die Werke von Josef Albers, Daniel Buren, Günter Fruhtrunk, Isabell Heimerdinger, Robert Mapplethorpe, Blinky Palermo, Ulrike Rosenbach, Rosemarie Trockel oder Andy Warhol sind nicht nach Epochen, Gattungen oder Sujets geordnet. Die Kombinationen der dicht präsentierten Gemälde, Fotos und Skulpturen folgen einzig den besonderen Merkmalen des Werks von Marcel Duchamp.

Die Künstler-Kuratorin suchte sich solche Arbeiten aus der Kollektion, die gemäß den Vorlieben des Meisters etwa Kreise, Zielscheiben, Maschinen, Brücken oder die Farben Rot, Gelb oder Blau enthalten. So kombiniert sie eine Reihe von Werken, die für sie um die Idee „Hand“ kreisen: vom südafrikanischen Fotografen Guy Tillim spielende Mädchen (2006), von Hayley Tompkins zwei abstrakte Aquarelle (2007), von Albert Mertz ein Ölgemälde in Kleinformat, das er mit handelsüblichen Knöpfen kombinierte (1960), vom chinesischen Fotografen Liu Zheng die Schwarzweiß-Aufnahme eines Blumenverkäufers (1998). Hinzu kommt André Caderes mit drei Industriefarben bemalter Rundholzstab, der an der Wand lehnt und als Gehstock für kleine Personen betrachtet werden könnte.

Immenses Wissen über die Gedankenwelt von Duchamp

Diese völlig unakademische Zusammenstellung evoziert je nach Betrachter verschiedene Lesarten – bisweilen Verwirrung. Genau das findet Bethan Huws gerade gut. In einem Beiheft erläutert sie ihre eigene Motivation: Für Duchamp gab es in jedem Kunstwerk fertige Elemente, die bereits vorhanden und nicht von Künstlerhand gemacht waren, etwa die Tubenfarben in einem Gemälde oder die Pinsel. Es gebe immer einen Anteil „Ready-Made“, erklärte Duchamp einem Journalisten, „und wenn Sie es ein wenig weitertreiben, wenn Sie alles, sogar die Hand, wegnehmen, ist alles ,fertig gemacht’“. Der finale Schritt für Duchamp war das Signieren des Ready-Mades – am Ende doch handschriftlich.

Unter den zwei Originalwerken Duchamps in der Ausstellung ist ein Exemplar des legendären Flaschentrockners von 1914. Objekte von Bethan Huws sucht man zwar vergeblich, aber in der Schau steckt ihr immenses Wissen über die Gedankenwelt des Marcel Duchamp. Und so wird die Präsentation zusammen mit ihren Erläuterungen im Begleitheft beziehungsweise Katalog zum sehens- und lesenswerten Duchamp-ABC für Freunde der Konzeptkunst. Doch was ist mit denjenigen Besuchern, die einfach starke Werke sehen wollen? Die lassen den Kommentar eben liegen, betrachten die Kunst und machen sich ihre eigenen Gedanken.

Daimler Contemporary, Daimler Kunst Sammlung im Haus Huth, Potsdamer Straße 5, bis 14. 5.; Mo bis So 11 – 18 Uhr

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