Kultur : Damals in der Kasbah

Jazzfest Berlin: Abdel Hadi Hajo und das Orchester El Gusto lassen den algerischen Chaâbi auferstehen

Gregor Dotzauer

Wie er als junger Mann sang und Mandole spielte, wissen nur noch die Mauern der Kasbah von Algier und einige Weggefährten. Aber wenn es Ahmed Bernaoui vor einem halben Jahrhundert auch nur halb so rau und eindringlich tat, wie es ihm heute noch gelingt, da er windschief und am Stock auf die Bühne wankt, kann man ahnen, wie der Chaâbi die populäre Musik seines Landes wurde. Und wer Abdel Hadi Hajo zusieht, mit welchem Stolz er beim Eröffnungskonzert des Jazzfests Berlin sein 37-köpfiges Orchester El Gusto vorstellt, kann ermessen, was es ihm bedeutet, die Musizier- und Lehrtradition seines berühmten Vaters Mohammed El Anka neu zu beleben.

Großväter, Söhne und ein paar Enkel: Bei El Gusto sind sie so friedlich vereint wie Juden und Muslime, die man weder dem Namen nach auseinanderhalten kann noch nach dem Gewicht ihrer musikalischen Einflüsse. Denn in den Jahrhunderten, in denen die Juden, von der Inquisition aus Spanien vertrieben, ihre arabo-andalusische Kultur in den Maghreb mitbrachten, entwickelte sich ein Miteinander, das erst mit der algerischen Unabhängigkeit von Frankreich 1962 unterging und mit dem Islamismus zu Anfang der neunziger Jahre vollends unmöglich wurde.

Mit dem alten Algerien war auch der Chaâbi untergegangen. So, wie er jetzt aufersteht und mit seinen akustischen Gitarren, Mandolen, Banjos, Lauten, Kniegeigen, der Quanun-Zither und orientalisch schmachtenden Melodien der Übermacht des elektronisch aufgemotzten Raï trotzt, ist er zwar ein konservatorisches Projekt auf exterritorialem Gebiet. Doch die Begeisterung, auf die die alten Herren des Chaâbi allenthalben stoßen, seitdem sie sich vor knapp zwei Monaten in Marseille zum ersten Mal seit über 40 Jahren in diesem orchestralen Rahmen präsentierten, ist wohl nur der Anfang einer weitergehenden Rehabilitierung.

In Safinez Bousbia sind sie einer Dokumentarfilmerin begegnet, die zum einen dafür verantwortlich ist, dass sie einander überhaupt wiedergefunden haben, und die zum anderen einen Film in der Art von „Buena Vista Social Club“ gedreht hat. Und in Damon Albarn, dem Kopf der Bands Blur, Gorillaz und The Good, The Bad and The Queen, hat El Gusto einen Produzenten gefunden, der auf seinem Label Honest Jon gerade das Debüt der Chaâbi-Veteranen veröffentlicht hat.

Richtigen Schmiss bekommt das aber nur live, wenn nach langen, melismendurchzitterten Einleitungen die Darbukas der siebenköpfigen Perkussionstruppe losknattern und die Kastagnetten klappern, das Orchester zu eingängigen Themen auch mal in den Walzertakt verfällt und in Sängeranrufung und chorischer Antwort von Frauen- und Heimatliebe erzählen. Mit Jazz hat das alles, von winzigen Improvisationsspuren und blueshaftem Lamento abgesehen, nichts zu tun. Dafür mit dem reizvollen Gefühl, eine fast verloren gegangene Weltmusik in einer kulturellen Reinheit kennenzulernen, deren Geheimnis schon immer ein einzigartiger Stilmischmasch war.

Arte sendet am 8.11. eine Aufzeichnung.

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