Kultur : Dame und Diva

István Szabós amüsanter Kostümfilm „Being Julia“

Daniela Sannwald

Bei den Oscars Ende Februar ging sie wieder einmal leer aus, was nichts mit ihren schauspielerischen Qualitäten zu tun hat und schon gar nichts mit dieser Glanzrolle: Annette Bening spielt in „Being Julia“ wie der Teufel – aber allein dafür kriegt man keinen Oscar. Das weiß sie spätestens seit „American Beauty“, für den sie vor fünf Jahren schon einmal als Hauptdarstellerin nominiert war.

Vielleicht ist Bening bloß zu alt, um als Talent Motivation zu verdienen – oder noch zu jung, um endlich mal dran zu sein? Wie das zu „Being Julia“ passt: Im London der Dreißigerjahre ist die Schauspielerin Julia ein gefeierter Bühnenstar, verheiratet mit dem erfolgreichen Theateragenten Michael. Aber glücklich ist sie nicht. Der Job ermüdet sie, der Ehemann desgleichen; außerdem hat sie Angst vor dem Älterwerden und dem unausweichlichen Abgleiten in die Haushälterinnen- und Gouvernantenrollen. Also tut sie das Vernünftigste, was Frauen in diesem Stadium tun können: Sie nimmt sich einen jungen Liebhaber und sorgt dafür, dass sie ihn möglichst häufig um sich hat, ohne dass ihr Gatte es merkt. Der Lover wiederum ist aber gerade an ihm interessiert: Er will als Schauspieler selber Karriere machen und später auch noch seine neue junge Freundin unterbringen. In welche sich prompt Julias Mann verguckt. Schon möglich, dass Julia da plötzlich beide Männer verliert. Aber erstens lässt sie sich so schnell nicht unterkriegen, und zweitens ist sie eben eine sehr gute Schauspielerin.

István Szabó hat „Being Julia“ nach einem Roman von Somerset Maugham wahrhaft altmeisterlich inszeniert – und dass er mit dem Theatermilieu etwas anzufangen weiß, hat er bereits mit „Mephisto“ (1981) und „Meeting Venus“ (1991) bewiesen. So ist „Being Julia“ ein glanzvoller Ausstattungsfilm mit prächtigen Kostümen, eleganten Interieurs, fantastischen Locations und einem sorgfältig zusammengestellten Soundtrack voller Dreißiger-Jahre-Tanzmusik. Die Dialoge sprühen vor lakonischem Witz, und Jeremy Irons, der mitunter zu erheblichen Manierismen neigt, ist mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Überheblichkeit und Understatement als Julias Gatte ideal besetzt.

Michael Gambon,  Rita Tushingham und andere hochkarätige britische Darsteller gehören zum Ensemble um Annette Bening, die den Frust ihrer Figur mit Lust spielt: Sie möchte endlich nicht mehr Diät halten, sondern Kartoffeln, Sahne und Bier, stöhnt sie sehnsüchtig, während sie sich von ihrer Masseurin durchwalken lässt – und deftig wie diese Art Genüsse ist die ganze Person, die in unbeobachteten Momenten ins Vulgäre zu changieren scheint. Doch gleich ist sie wieder ganz Dame und Diva.

Spielend gelingt es Annette Bening, doppelt Verwirrung zu stiften. So ist sich nicht nur der junge Mann unsicher, ob er seiner Wahrnehmung trauen kann; auch das Filmpublikum lässt sie im Unklaren darüber. Liebt sie ihn oder nicht; leidet sie unter seinem Rückzug oder ist sie dafür zu klug; ärgert sie sich über ihren gleichgültigen Ehegatten oder ist sie froh, dass sie ihre Ruhe hat? Äußerst amüsant ist es, darüber nachzudenken, während man Benings rasanten Rollenwechseln folgt. Und irgendwann kommt Julia sogar zum heiß ersehnten Bier.

In Berlin im Babylon (OmU), Capitol, Cinema Paris, Cinemaxx Potsdamer Platz, Kulturbrauerei, Passage

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