Kultur : Dame und Jäger

PANORAMA „Lady Chatterley“ von Pascale Ferran

Daniela Sannwald

Als Lady Chatterley den Wildhüter Parkin zum ersten Mal sieht, bekommt sie einen Schwächeanfall. Der Anblick des entblößten Mannes, der sich neben seinem Häuschen im Wald an einer Tonne wäscht, wirft sie aus der Bahn. Als junge, verheiratete Frau aus der britischen Oberschicht um 1920 sieht sie Männer – auch den eigenen – selten unbekleidet. Wenn überhaupt, dann hilft sie ihrem seit dem Krieg gelähmtem Ehemann beim Waschen und Umziehen. Aber dessen Körper hat nichts von der erschreckenden, faszinierenden Virilität des Wildhüters.

Die Inszenierung der ersten Begegnung zwischen der Lady und dem Bediensteten – von der er nichts weiß, da er ihr den Rücken zukehrt – charakterisiert diese behutsame Adaption des 1927 vollendeten berühmten Romans von D. H. Lawrence. Die Kamera übernimmt den Blick der Frau, deren erotisches Begehren geweckt ist und die nun Schritt für Schritt in das Territorium des Wildhüters eindringt. Es ist auch die Perspektive der Macht, denn der Wildhüter ist ein Angestellter ihres Mannes, des Minen- und Landbesitzers Sir Clifford Chatterley. Erst spät in diesem beinahe drei Stunden langen Film wechselt der Blickwinkel, dann nämlich, wenn Parkins Vertrauen in die Frau seines Arbeitgebers und damit auch in sich selbst wächst.

Der Film lässt sich viel Zeit für Naturbeobachtungen. Die Blätter an den Bäumen verfärben sich, fallen ab, sprießen wieder neu, wachsen in saftigem Grün – wie im Melodram. Tatsächlich handelt „Lady Chatterley“ von unmöglicher Liebe, Opfern und Verzicht. Typisch Melodrama also. Aber die französische Regisseurin Pascale Ferran sieht von sämtlichen emotionalisierenden Inszenierungsstrategien ab. Sie interessiert sich für die englische Klassengesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg, für die mit Besitz, Geschlecht und Gesundheit verbundenen Privilegien, die sie seziert und protokolliert.

So möchte Constance einen Schlüssel für Parkins Hütte, weil sie sich dort gern aufhält. Er aber fürchtet die Kontrolle seines Arbeitgebers. So wünscht sich der gelähmte Sir Clifford einen Erben und gibt seiner Frau praktisch die Erlaubnis zum Ehebruch, bevor er sie an die französische Riviera schickt – dabei möge sie aber bitte auf die Herkunft des Liebhabers achten. Später sitzt Clifford, stolz auf seine neu gewonnene Mobilität, in einem motorisierten Rollstuhl, aber der Motor versagt, und Parkin muss helfen. Beide, Constance und Parkin, haben am Ende ein Stück Freiheit gewonnen.

Der Verlauf der Beziehungen schlägt sich in der Kleidung der Protagonisten nieder. Constances strenge, hochgeschlossene Gewänder werden heller und lockerer, schließlich trägt sie ein purpurrotes Samtkostüm. Und Parkin hat nicht mehr seinen schweren Gürtel an, der Verschlossenheit und In-sich-Gekehrtheit symbolisiert. Ein schöner, sensibler Film über das Aufeinanderprallen zweier Kulturen, von dem beide profitieren – wenn auch anders, als man hofft.

Heute 10 Uhr (Cinemaxx 7), 13. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 18. 2., 14.30 Uhr (International)

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