Kultur : Damenqual

Noch mehr Oper in der Bismarckstraße: Musiktheater im Café Keese

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Ball der einsamen Herzen. Franziska Dick vom Kollektiv „Oper Dynamo West“. Foto: B. Krieg
Ball der einsamen Herzen. Franziska Dick vom Kollektiv „Oper Dynamo West“. Foto: B. Krieg

Wie viel Musiktheater verträgt Charlottenburg eigentlich? Nachdem bereits die Staatsoper in ihrem Exil in der Bismarckstraße der Deutschen Oper auf Sichtweite entgegengerückt ist, veranstaltet nun auch noch die „Oper Dynamo West“ Melodramatisches im Café Keese direkt neben dem Schillertheater.

„Reizend und kultiviert“, so der Werbeslogan, geht es seit 1966 in dem Traditionshaus zu, das für seine Tanzveranstaltungen mit Damenwahl berühmt ist. Ohne schwofende Rentner allerdings ist das Etablissement ein todtrauriger Ort. Hart getreten der braune Teppichboden rund um das eingezäunte Parkettquadrat, wie kalter Rauch liegt enttäuschte Hoffnung in der Luft. Traudlinde Drobbe hätte sich nie hierher getraut. Die Bühnenpforte der Deutschen Oper war ihr Paradies, hier sammelte die Katasteramtsangestellte Schnappschüsse und Autogramme ihrer Stars. Nach ihrem plötzlichen Tod 1989 bergen Freunde aus Drobbes Spandauer Wohnung die in Leitz-Ordnern akribisch archivierten Devotionalien. Dokumente eines Lebens als Zuschauerin.

Das Künstlerkollektiv „Oper Dynamo West“, seit 2006 spezialisiert auf urbane Erkundungen im Zentrum der einstigen Mauerstadt, möchte nun unter dem rätselhaften Titel „Telemondial. Versuche zur Überwindung der Schwerkraft“ dieser Frau und dem Phänomen des Opernfantums näherkommen (Regie: Franziska Seeberg und Johannes Müller) – und erbringt dabei in erster Linie den Beweis, dass die Bespielung abwegiger Orte an sich noch keine kulturelle Leistung darstellt. Ein Diavortrag im Volkshochschulton, ein paar Arien (Bonnie Cameron) zu gruseliger Hammondorgelbegleitung, bewusst naiv rezitierte Aussagen von Weggefährten – als Karikatur eines Opernzirkus, in dem die Diven genauso hysterisch sind wie die Groupies, mag das witzig sein. Wie tief Menschen in den Gefühlsstrudel dieses unerhörten Genres hineingerissen werden können, wie radikal sie die Oper zum Ersatz für das eigene, nie gelebte Leben machen, wird bei der einstündigen Performance aber nur in Momenten spürbar – wenn beispielsweise Franziska Dick alias Traudlinde Drobbe ihr Idol leibhaftig aufzufressen droht.

Spätrömische Dekadenz in der Opernhauptstadt: Wohlstandsverwöhnte Musiker streiken gegen die Abholzung ihrer Privilegien – und eine Off-Truppe, die treffend von sich sagt, sie arbeite mit minimalen Mitteln, bekommt nach nur vier Jahren einen Prachtbildband zur Selbstdarstellung spendiert. Beim renommierten Verlag Hatje Cantz war man auf die Dokutheatermacher aufmerksam geworden, in feinster Papierqualität und mit großartig großstädtischen Fotos von Benjamin Krieg sind nun die ersten elf Projekte der „Oper Dynamo West“ dokumentiert. Reizend und kultiviert.

Wieder am 17., 18., 21., 24., 25. und 31. Oktober, Infos: www.operdynamowest.org

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