Kultur : Damenwahl

Peter Herbstreuth

Seit Jahren schweben schon Ideen für ein Künstlerinnen-Kompendium des 20. Jahrhunderts durch die Kunstwelt. Und es wären wohl noch lange Ideen geblieben, hätte die Kölner Editorin Uta Grosenick in Kooperation mit dem Berliner Galeristen Burkhard Riemschneider nicht den Bestseller "Art at the turn of the millenium" gelandet, der den Taschen Verlag vom Konzept der Hitliste in Buchform überzeugte. Das Buch "Women Artists. Künstlerinnen im 20. und 21. Jahrhundert" folgt dann auch dem Strickmuster des erfolgreichen Vorgängers: Es ist üppig bebildert, gibt knappe biografische Informationen und führt mit klugen bis klügelnden Texten in das Werk ein. Der Radius reicht von Sonia Delaunay, Hannah Höch, Tamara Lempicka, Meret Oppenheim, Agnes Martin bis in die Gegenwart mit Vanessa Beecroft, Rineke Dijkstra, Maria Eichhorn, Sylvie Fleury, Shirin Neshat und Elisabeth Peyton.

Jede Liste provoziert Ergänzungslisten. Wenn Hannah Höch vorkommt, warum fehlen dann Diane Arbus und Helene Schjerfbeck? Wenn Barbara Hepworth auf sechs Seiten abgehandelt wird, weshalb dann nicht Viera da Silva, Paula Modersohn-Becker, Joan Mitchell, Helen Frankenthaler, Susan Rothenberg, Maria Lassnig auf wenigstens zwei? Gewiss bewegen Orlan, Hannah Wilke, Carolee Schneemann und die allerjüngste im Bunde, die 1977 geborene Natacha Merritt, die Diskussionen über den weiblichen Körper; doch weshalb werden kapitale Künstlerinnen übergangen, die Themen jenseits des blanken Körpers behandeln - wie Vija Celmins, Roni Horn, Chantal Ackerman oder Ayse Erkmen? Die Herausgeberin betont im Vorwort, es handele sich bei den 93 Künstlerinnen um - was sonst? - eine Auswahl. Und man mag sich die Konflikte der Redaktion vorstellen, die über das alte Rein-Raus-Spiel entschied. Doch als Kriterium dafür gibt Grosenick den Gummibegriff "nachhaltige Prägung" an, die gerade bei vielen jungen Künstlerinnen nur eine Hellseherin bereits erkennen kann.

Wundersamerweise ist das Werk gegen Einwände immun, weil es Fakten schafft, die die behauptete nachhaltige Prägung mitbefördern werden. Deshalb nützt es allen, die darin vorgestellt werden. Und da es das erste Buch ist, das ein solches Panorama bietet, sollte man die Macken zwar im Auge behalten, nicht aber gegen das Ganze wenden. Denn die Pioniertat gehört in jede Bibliothek von Kunstinteressierten und muss wie alle Kompendien, deren Radius bis in die Gegenwart reicht, fortlaufend ergänzt werden. Zu übertreffen ist es vorläufig nicht.

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