Kultur : Damenwahl

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SCHREIBWAREN

Bodo Mrozek über

Brillengestelle und Betriebsgeheimnisse

Der Literaturbetrieb ist ein seltsames System, das eigentlich nur auf Betriebsfesten sichtbar wird. Aber selbst dann ist wenig zu sehen: Herumsitzende oder stehende Menschen, die manchmal ein Buch, öfter aber ein Glas in der Hand halten. Das Betriebliche an solchen Veranstaltungen: ein ständiges Geraune und Gemurmel. Momentan herrschen immer noch Betriebsferien, da gilt das saisongemäß langsam anschwellende Murmeln dem, was kommen mag. Über den nahenden Bücherherbst raunen die Auguren, dass er von zwei gegensätzlichen Autorentypen beherrscht werden wird: alten Männer und jungen Frauen.

Lassen wir die alten Männer beiseite – von ihnen wird man bald genug hören – und widmen wir uns den jungen Frauen. Fangen wir an mit Jenni Zylka , der Frau, die das in Schriftstellerinnenkreisen wahrscheinlich auffälligste Auto fährt und die man überhaupt für ihre Stilsicherheit in Geschmacksfragen wie Populärmusik und Ausgehgarderobe gar nicht genug loben kann. Dass ihr dieses an Emma Peel oder Cate Archer erinnernde Erscheinungsbild zuweilen lustige Probleme bereitet, schrieb sie in ihrem tagebuchähnlichen Roman „1000 neue Dinge, die man bei Schwerelosigkeit tun kann“ (Rowohlt). Gelegentlich leidet Frau Zylka nämlich an Männern, die ihr Autoersatzteilefachgespräche aufnötigen möchten. Trotzdem ist sie der lebende Beweis dafür, dass auch Frauen sinnlose Dinge tun, die Populärpsychologen gewöhnlich der männlichen Spezies vorwerfen: fanatisches Sammeln zum Beispiel. Am Mittwoch wird sie sich bei „Radio Hochsee“ im Kaffee Burger zur seltsamen Passion des Brillenfetischismus bekennen. Streng genommen handelt es sich bei der Life-Sendung ohne Antenne und Kabel nicht um Literatur, doch soll sie hier nicht unerwähnt bleiben, zumal auch der Radiomoderator Falko Hennig Romanautor ist (am 27.8. um 21 Uhr).

Im strengen Sinne literarisch wird es dann wieder beim Saisonauftakt zugehen, mit dem sich das Literarische Colloquium (LCB) am Freitag vom Sommer verabschieden wird (29.8., 20 Uhr). Neben Michail Jelisarow werden auch dort drei jüngere Frauen lesen, darunter Larissa Boehning . Ihrer prägnanten Lesestimme durfte man schon beim Sommerfest des Eichborn Verlages lauschen. Ihr Kurzgeschichtenband „Schwalbensommer“ versammelt kleine Momentaufnahmen aus dem Leben der derzeit viel beschriebenen Menschen um die Dreißig. In Boehnings Debüt ist die Euphorie der Neunzigerjahre vorüber, man schlingert gemeinsam einsam durch die Krise. Vielleicht bleiben die Begegnungen zwischen Freunden und Fremden deshalb so flüchtig. Die hellen Sommergeschichten trübt stets eine unausgesprochene, diffus drohende Vergangenheit.

Julia Francks Debüt „Liebediener“ liegt dagegen schon ein paar Jahre zurück. Nun beschäftigt sie sich mit einem zeithistorischen Stoff. Ihr Berlin-Roman „Lagerfeuer“, der Ende des Monats bei Dumont erscheint, spielt in einem Ort des Übergangs, dem Notaufnahmelager für Ost-Flüchtlinge im Berliner Bezirk Marienfelde. Das Ausreiselager, in dem die Autorin als Kind selbst einige Monate verbrachte, wird zur Kreuzung der Lebenswege dreier sehr unterschiedlicher Menschen. Sie liest im Kaufhaus Dussmann (am 26.8. um 18 Uhr).

Die Frage, was spezifisch weiblich und was männlich ist, will im Literarischen Coloquium schließlich Sabine Neumann mit ihrer Erzählung „Das Mädchen Franz“ (Suhrkamp) stellen. Hans Neubauer und Claudia Kramatschek finden in ihrem Gespräch mit der Autorin vielleicht auch heraus, ob wir mit den jungen Damen rechnen dürfen oder doch lieber auf altgediente Männer vertrauen sollten. Aber all dies wäre dann auch wieder nur Betriebsgemurmel.

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