Damien Hirst : Made in Berlin

1993 war er jungwilder DAAD-Stipendiat, heute ist er weltberühmt: Eine Wiederbegegnung mit dem Künstler Damien Hirst.

Friedrich Meschede
Mann für Rekorde. Damien Hirst in der Galerie Haunch of Venison. Foto: Mike Wolff
Mann für Rekorde. Damien Hirst in der Galerie Haunch of Venison. Foto: Mike Wolff

Es war der 15. September 2008, und es war purer Zufall: Bei Sotheby’s in London gab es eine ganz den Werken des Künstlers Damien Hirst gewidmete Auktion mit dem Rekorderlös von 140 Millionen Euro, und am selben Tag brach die US-Investmentbank Lehman Brothers zusammen. Spätestens seitdem gilt der Name Damien Hirst als Synonym für die Symbiose von Geld und Kunst, aber das zufällige Zusammentreffen der Ereignisse elektrisierte damals jeden. Schließlich ging damit unmittelbar ein Menschheitsmythos in Erfüllung, der immer auch mit Kunst verbunden ist: Künstler schauen voraus, Kunst ist Vision, womöglich auch von etwas ganz Schrecklichem.

Oft muss man in der Kunstgeschichte lange warten, bis die Darstellung eines Kunstwerkes sich tatsächlich als Zeitdokument herausstellt. Hier ereignete sich alles an einem Tag, alle wurden Zeuge des Beweises der Mutmaßungen über den existenziellen Wirklichkeitsbezug von Kunst. So klingt der Titel, unter dem die Auktion angekündigt worden war, wie Hirsts Bekenntnis zu seinem Anspruch an Kunst: Beautiful inside my head forever. Über Nacht hatte Damien Hirst eine neue Ebene des Künstlerdaseins erreicht, hatte plötzlich alle unternehmerischen Talente von Rubens bis Koons in den Schatten stellt. Zwangsläufig berücksichtigte jede Berichterstattung und jedes Interview seither diesen Aspekt – und reduzierte damit das Werk und seinen Schöpfer auf dieses Phänomen. Das alles verstellt den Blick auf die Kunst, um die es ihm immer noch geht, seit den Anfängen.

Nun sind Arbeiten von Hirst zusammen mit Werken von Michael Joo in der Ausstellung „ Have you ever really looked at the sun?“ bei Haunch of Venison zu sehen – ein Anlass, den Künstler nach langer Zeit wiederzusehen und mit ihm über Berlin zu sprechen. „Bloody hell, another interview?“, ruft er aus. „Nein, Damien, nur ein paar Erinnerungen.“

Als Damien Hirst am 8. Dezember 1993 in Berlin eintraf und in der Jenaer Straße in Wilmersdorf seine Wohnung des Berliner Künstlerprogramms bezog, war er bereits ein bekannter Künstler – wenngleich mit 28 Jahren auch einer der Jüngsten, denen das DAAD-Stipendium je zuerkannt worden war. Seine auch geschäftliche Umtriebigkeit schon damals lässt sich daran ablesen, dass er seine Stipendien-Zahlung oft jeden Monat in fast voller Höhe einbehalten ließ, schließlich wollten seine Telefonrechnungen beglichen sein. Es gab jede Menge Parties, es gab lange Abende in Charlottenburger Restaurants; manche davon, wie das Ax Bax, existieren heute nicht mehr.

Damien Hirst ist ein sehr großzügiger Mensch. Alles, was wir heute erleben, gab es im kleineren Stil schon. Ein menschenfreundlicher Charakter zeichnet ihn aus, die Lust, einzuladen, willkommen zu heißen, zu genießen und mit Kunst eine Idee von Luxus zu verbreiten – schließlich steckt schon darin der eigentliche Sinn von Kunst.

„Wie geht es dir, nach langer Zeit zurück in Berlin? Wir sahen uns zuletzt vor 15 Jahren, bei deiner Abreise zurück nach London, euer Wagen war vollgestopft mit Take-away-Gerichten von Edd’s, alles roch nach Ingwer, Thymian und Curry. Ich habe mich immer gefragt, ob Maja und du das jemals alles verzehren konntet?“ – „Ich weiß es nicht, aber morgen sind wir wieder da. Edd’s is posh now.“

Im alten, noch nicht todschicken Restaurant hatten wir oft gesessen und über Berlin diskutiert: über die Zukunft und die Träume, mit Kunst die Welt zu verändern. Damien Hirst ist einer der wenigen, denen es in den letzten Jahren gelungen ist, die Kunstwelt zu verändern. Nun frage ich ihn: Zum Guten oder zu schlechteren Bedingungen für die Kunst?

„Ja, ich liebe Kunst. Es geht um ihre Popularität. Als ich zur Schule ging, zeichnete ich wahnsinnig gerne. Das wurde als lächerlich angesehen, es wurde ignoriert. Aber jetzt akzeptiert man es. Damals wurde man sogar für verrückt und sogar beleidigend gehalten, wenn man auf eine Kunstakademie ging. Freunde von mir machten Reproduktionen, die sie auf dem Flohmarkt anboten. Ein Künstler war nichts. Da heute mehr Leute mit Kunst beschäftigt sind, ist es auf jeden Fall besser als damals.“

Für den 22. April 1994 war die Eröffnung seiner Ausstellung in der DAAD-Galerie geplant, damals noch in den Räumen über dem Café Einstein in der Kurfürstenstraße. Schon geraume Zeit hatten wir an einer perfiden Installation gearbeitet, die eine große Sauerei geworden wäre. Als es aber Bedenken gab, die Lebensmittelaufsicht könnte das Restaurant für die Zeit der Ausstellung schließen, ließ Damien Hirst von der Idee ab. Er realisierte die Skulptur zwei Jahre später unter spektakulärem Medienaufwand in New York – in einer Galerie ohne Restaurant, aber mit allerhand Protest von Tierschützern.

Sofort kam ihm eine neue Idee, für die ich ihm heute noch dankbar bin. Die Ausstellung „Good environment for colored monochrom paintings“ war eine der wunderbarsten Ausstellungen in der DAAD-Galerie: ein Gartenbiotop mit tropischen Pflanzen für lebende Schmetterlinge. Es sollte jenen monochromen Gemälden eine paradiesische Umgebung verschaffen.

„Leider haben wir nie einen Katalog gemacht, lass uns heute noch einen Katalog dazu machen.“

Die Pflanzen waren eigens für die Ausstellung gezüchtet worden, pestizidfrei, weil Schmetterlinge angesichts handelsüblicher Pflanzen und deren natürlichem Giftanteil sofort gestorben wären, sobald sie an den Blüten saugen. Wegen Damien Hirst wurde ich zum Botaniker. Alle Gespräche mit ihm handelten davon, Erkenntnisse zu vermitteln über Kunst, mittels Kunst und mit Mitteln, die so zur Kunst werden können.

Ich kann heute gern gestehen, dass Damien Hirst mir damals ein seltenes Erlebnis vermittelt hat. Bis zu dieser Ausstellung waren alle Künstler, mit denen ich bis dahin gearbeitet hatte, älter als ich, erfahren, bekannt, selbstsicher und berühmt. Oder sie waren zumindest gleich alt, meine Generation, und somit Zeitgenossen. Nun stand dieser junge britische Künstler vor mir und stellte anspruchsvolle Anforderungen an den Galerieraum: in technisch-statischer Hinsicht, im Hinblick auf den Aufbau der Vitrinenkonstruktion und das Gesamtgewicht dieser Skulptur – und natürlich auch finanziell.

Es gab immer auch die Frage, ob der Aufwand in einem Verhältnis zu dem steht, was die Galerie als Kunst vermitteln möchte. Wenn ich zweifelte, bemerkte Damien das sofort und überzeugte mich dann weiter. Das waren die tollen Momente. Wir zwei diskutierten über Kunst – und nur wegen dieser Privatheit vermittelte er mir faszinierende wie überzeugende Gedanken über Kunst und Gesellschaft. Damien Hirst verkörperte schon damals eine Einheit von Person und Idee, mit seiner Menschlichkeit im Allgemeinen und seiner Intelligenz in der Sache.

Bei der Eröffnung damals in der „Guten Umgebung für farbige monochrome Gemälde“ waren alle Besucher der Galerie im Container und die Schmetterlinge waren „außen“. Hirst hatte sein Prinzip vom berühmten Hai umgekehrt: Die Leitmotive seines Werkes waren hier erhalten – die Geburt der Schmetterlinge aus den Larven, die wir aus London wöchentlich importierten, das Entfalten ihrer Farbenschönheit auf den Flügeln, auch das Sterben der Falter nach jener gewissen kurzen Zeit, die die Natur für sie vorgesehen hatte. Die Ausstellung war eine bildnerische Metapher über Naturschönheit und Kunstschönheit. Es war ein großes Staunen, das mich bis heute berührt.

Durch diese Ausstellung hatte Damien Hirst einen Tüftler in Berlin kennengelernt, der bis heute viele seiner Skulpturen in ihrer faszinierenden Präzision herstellt. Die aktuellen Werke bei Haunch of Venison wie „Atheist“, „Invasion“, „The Dark Continent“ sind alle „made in Berlin“. Warum hat er „Atheist“ für diese monumentale, runde Vitrine voll mit medizinischen Werkzeugen gepackt?

„Weil Wissenschaft gegen Gott ist. Ist das ironisch?“

„Nein, eigentlich habe ich dich nie als ironisch empfunden.“

„Übrigens, sind die Metallteile aus der DAAD-Galerie irgendwann wieder aufgetaucht?“

„Nein, die hatten wir entsorgt.“

„Nein, alles kommt wieder, auf irgendeine Weise.“

Damiens Wiedergeburt mit jedem Werk.

„Warum bist du damals nicht in Berlin geblieben wie viele andere DAAD-Gäste bis heute?“

„Das Stipendium hatte mir damals tatsächlich zum ersten Mal eine Unabhängigkeit gegeben, die ich sehr genossen habe. Ich traf hier Christopher Wool, Bernard Frize, Rachel Whiteread, Christian Marclay; wir hatte eine tolle Zeit, aber ich fand manche Orte in der Stadt zu depressiv, zum Beispiel den Potsdamer Platz. Als wir Berlin verließen, war Maja schwanger. Mein Sohn Conner, der heute 14 Jahre alt und mit nach Berlin gekommen ist, „is also made in Berlin“ (lacht). Ich hoffe, du weißt aber nicht, in welcher Nacht das war.“

Damien Hirst made Berlin.

Friedrich Meschede war von 1992 bis 2008 Leiter der Bildenden Kunst beim Berliner Künstlerprogramm/DAAD. Seit 2008 ist er Ausstellungsleiter am Museum für Gegenwartskunst (MACBA) in Barcelona. – Die Ausstellung in der Galerie Haunch of Venison, Heidestr. 46 in Moabit, ist bis 14. August, Di bis Sa 11-18 Uhr geöffnet.

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