Kultur : Damit Mami ins Kino kann

Auch kleine Berlinale-Besucher brauchen Betreuer

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Cornelia Balzarini

LEITERIN BERLINALE–KINDERGARTEN

Ich bin eigentlich Tanzlehrerin in der Schweiz. Aber seit dreizehn Jahren leite ich auch den Kindergarten auf dem Filmfestival von Locarno. Letzten Sommer habe ich dort Dieter Kosslick kennen gelernt, den Chef der Berlinale. Er begeistert von dieser Institution, denn in Locarno nehmen ganze Familien am Festival teil. Ich konnte gar nicht glauben, dass es in Berlin keinen Kindergarten gegeben hatte. Ihr seid doch sonst so fortschrittlich. Kosslick wollte dann, dass ich den Berlinale-Kindergarten organisiere. Es war zwar etwas schwierig, nach Berlin zu reisen, weil ich selbst drei Kinder habe und sieben Tanzlektionen in der Woche gebe. Aber ich habe trotzdem ja gesagt und sehe es als Riesenehre an.

Am Anfang mussten wir die vielen rechtlichen und versicherungstechnischen Auflagen erfüllen, die es in Deutschland gibt. Da hat uns der Berliner Verein Lillabo Hus für Kinderbetreuung sehr geholfen. Ein anderes Problem war, dass wir keinen Ort für unseren Kindergarten hatten. Rund um den Potsdamer Platz gibt es keine Kitas. Da haben uns die Staatlichen Museen zu Berlin aus der Patsche geholfen und wir durften den Kindergarten im Kulturforum einrichten. Ein Schwerpunkt unseres Betreuungskonzepts sind daher die Museumsführungen. Sie stehen unter so schönen Mottos wie „Tiere in der Malerei“ oder „Mit allen fünf Sinnen durch die Gemäldegalerie“ – da möchte ich unbedingt selbst mitgehen. Im Studio für Museumspädagogik machen die Kinder Malexperimente.

Bei mir und meinen beiden Kollegen können sie basteln, und es gibt einen Raum, da zeigen wir Kinderfilme. Und wir spielen viel Karten- und Brettspiele. Aber die Kinder können sich beschäftigen, wie sie es möchten. Wir nehmen Kinder zwischen zwei und 12 Jahren auf. Man kann sie jeweils für zwei Filmlängen abgeben. Wir haben zu trinken für die Kinder, einen Schlafraum und einen Wickeltisch, aber leider nichts zu essen.

Der schönste Moment, den ich im Festival-Kindergarten erlebt habe, war einmal, als ein japanisches Kind abgegeben wurde. Ich spreche kein Japanisch und bin auch nicht mit der Mimik vertraut. Aber das Kind fasste sofort Vertrauen zu mir und schlief in meinen Armen ein. Untereinander haben die Kinder gar keine Sprachprobleme. Sie setzen ihre Körper und ihre Gestik sehr kreativ ein. Für viele Kinder ist es sehr ungewohnt, von den Eltern getrennt und völlig fremden Menschen übergeben zu werden. Aber sie schenken uns meistens ein Riesenvertrauen. Kinder sind da viel flexibler als Erwachsene.

Wir versuchen, mit den Kindern so umzugehen, als wären wir eine große Familie. Das beruhigt sie und das macht sie offen. Bei uns werden die Kinder ja nicht abgeschoben. Ich habe es auch schon erlebt, dass Familien nur zum Festival in Locarno kamen, weil ihre Kinder unbedingt die Ferien bei uns verbringen wollten.

Aufgeschrieben von Philipp Lichterbeck

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