Kultur : Damit wir uns richtig missverstehen

Der Dialog zwischen dem Westen und der arabischen Welt wird immer schwieriger

Andrea Nüsse

Der Karikaturenstreit, die Kopftuchdebatte, die Islam-Äußerungen des Papstes – die Zeichen zwischen dem Westen und der arabisch-islamischen Welt stehen auf Sturm. Die Entfremdung scheint zu wachsen, die Emotionalität und Schärfe der Debatte ebenfalls. Dabei wird seit Jahrzehnten auf vielen Ebenen ein Dialog geführt. Debatten zwischen Intellektuellen aus beiden Kulturkreisen haben seit dem 11. September 2001 erst recht Konjunktur, daran beteiligen sich regelmäßig der ägyptische Schriftsteller Gamal al Ghitani, der libanesische Autor Abbas Beydoun, der syrische Lyriker Adonis oder der Palästinenser Mahmud Darwisch. Unter dem ständig steigenden Druck der politischen Konfrontation, auch infolge der amerikanischen Außenpolitik in der Region, gerät jedoch auch der klassische Dialog zwischen Intellektuellen an seine Grenzen. Mehr noch: Er wird durch strukturelle Missverständnisse behindert.

Das beginnt bei den Begriffen. Beim Wort „Terrorismus“ wird vielleicht am deutlichsten, dass westliche und arabische Intellektuelle darunter nicht dasselbe verstehen. Gruppen wie Hamas und Hisbollah gelten im Westen als Terrorgruppen und in der arabisch-islamischen Welt als Widerstandskämpfer, die völkerrechtlich legitimiert eine ausländische Besatzung bekämpfen. Doch auch hinter Begriffen wie Toleranz, Liberalismus, Demokratie oder Ehre verbergen sich unterschiedliche, wenn auch jeweils in sich logische Konzepte.

So kamen sich der Minister für religiöse Angelegenheiten, Hamdi Zaqzouq, und die Leiterin der Goethe-Institute, Jutta Limbach, bei einer Diskussion während der diesjährigen Kairoer Buchmesse zum Thema Toleranz zwar näher – doch dann enthielt der Toleranzbegriff des muslimischen Theologen Einschränkungen, welche die westliche Verfassungsrechtlerin nicht teilte. Ein Beobachter beschrieb das Streitgespräch als ein Zusammentreffen zweier gleich gepolter Magnete, die sich näher kommen, um sich ab einem bestimmten Punkt abzustoßen.

Unter Demokratisierung und Liberalisierung versteht die arabische Lesart weniger die Freiheit des Individuums als die einer kollektiven Gruppe im Verhältnis zum anderen Kollektiv. „Die Differenzen gehen sehr tief“, meint Salamah Ahmed Salamah, Kolumnist der ägyptischen Tageszeitung „Al Ahram“, der in Deutschland studiert hat. „Aber der Dialog bleibt immer an der Oberfläche.“ Zwanzig Jahre Dialog, meint der liberale Intellektuelle, haben nichts gebracht.

Eines der Haupthindernisse ist aus arabischer Sicht das Palästina-Problem. Da hilft es kaum, darauf zu verweisen, dass die arabischen Staaten wenig für die Palästinenser getan haben. Viele sehen den Kampf der Palästinenser um ihren Staat als Folge des Imperialismus, unter dem die gesamte Region gelitten hat und noch zu leiden glaubt. Westliche Intellektuelle reagieren umgekehrt entnervt, wenn ihre arabischen Kollegen bei jedem beliebigen Thema auf den Nahostkonflikt zu sprechen kommen und Israel kritisieren. Wobei ein direkter Dialog oft gar nicht möglich ist. Undenkbar, dass etwa beim diesjährigen Berliner Literaturfestival ein israelischer und ein libanesischer Autor gemeinsam auf einem Podium hätten diskutieren können: Der Libanese hätte sich strafbar gemacht.

Wie tief die Befremdung reicht, wurde auch bei der Solidaritätsadresse arabischer Intellektueller an Günter Grass deutlich, die ihn für seine „Jugendsünde“ der Waffen-SS-Mitgliedschaft in Schutz nahmen. Niemand in den arabischen Ländern begriff, dass die Debatte darum ging, warum der Moralist Grass so lange geschwiegen hat. Vielmehr wurde das Thema sofort durch die Brille des Nahostkonflikts gesehen und als Manöver zur Ablenkung vom israelischen Vorgehen in Gaza oder im Libanon denunziert.

Arabische Intellektuelle verstehen ihrerseits oft nicht, welche Bedeutung der Holocaust für die westliche Gesellschaft hat. Sie sehen darin ein abgeschlossenes Kapitel der Weltgeschichte, während das Unrecht gegenüber den Palästinensern ihrer Meinung nach andauert. Die Einzigartigkeit der systematischen Judenvernichtung begreifen sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass die Schoa noch 60 Jahre später Denken und Politik nachhaltig prägt. Um sich die Verpflichtung des Westens gegenüber Israel zu erklären, werden stattdessen absurde Verschwörungstheorien herangezogen.

Es gibt wenige arabische Intellektuelle, die aus diesem Denkmuster ausbrechen. Der Theaterautor Ali Salem gehört dazu, er hat dies mit dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband und gesellschaftlicher Ächtung bezahlt. Salem hatte sich nach dem Frieden zwischen Ägypten und Israel 1994 nach Israel aufgemacht und seine Erlebnisse während dieser 23 Tage im „Feindesland“ in dem amüsanten Bestseller „Reise nach Israel“ beschrieben. Heute publiziert der Satiriker nur in kleinen, wenig verbreiteten Zeitungen in Ägypten oder in der panarabischen Londoner Zeitung „Al Hayat“.

Der 70-Jährige glaubt nicht an den Dialog. Allerdings macht er dafür hauptsächlich die arabische Seite verantwortlich: Schriftsteller und Journalisten in Ägypten wie in anderen arabischen Ländern hätten sich im 20. Jahrhundert als „intellektuelle Brigade“ im Kampf gegen den Imperialismus verstanden. Diese Tradition der Ideologisierung habe sich bis heute erhalten, auch wenn sie bei den Jüngeren nachlasse. Noch immer ließen sich Intellektuelle von Regimen manipulieren oder vereinnahmen. Nach 50 Jahren Totalitarismus sei es nicht leicht, plötzlich als Individuum zu denken, schränkt Salem ein. Außerdem seien einige Intellektuelle neidisch auf die Freiheiten der Kollegen im Westen oder hätten einen Minderwertigkeitskomplex angesichts der Rückständigkeit der arabisch-muslimischen Welt. Beides erschwere einen Dialog auf Augenhöhe. Zudem können in der arabischen Welt viele Intellektuelle nur davon leben, dass sie in Zeitungen schreiben. Daher stehen viele unter dem Zwang, sich dem Mainstream oder den politischen Vorgaben ihrer Arbeitgeber anzupassen.

Besonders schwierig, nicht nur im Dialog der Intellektuellen: das Thema Religion. Denn die diffuse Islamisierung arabischer Gesellschaften geht mit einer Moralisierung einher, welche alle Bereiche des Lebens durchdringt und auch die Intellektuellen nicht verschont. Wenn jedes Projekt und jeder Text daraufhin abgeklopft werden muss, ob er islamkompatibel erscheint, schränkt das die Denkfreiheit ein. Das mag in Ägypten stärker sein als im Libanon – ist aber ein Trend in der Region. Wobei alle, auch freiere Köpfe, an der jüngsten Islamkritik des Papstes einhellig kritisierten, dass er den Propheten und die Religion falsch dargestellt habe. Dass der Islam keine vernünftige Religion sei, dass er gar der Gewalt Vorschub leiste, weisen sie weit von sich.

Vor diesem Hintergrund lautet Ali Salems radikales Fazit: Handel(n) statt Reden. „Die Liberalisierung der Wirtschaft und der Warenaustausch schaffen stärkere Gemeinsamkeiten als alle PseudoDialoge.“ Salamah Ahmad Salamah wiederum glaubt nur an die Jugend: 50-Jährige könne man nicht mehr zum Umdenken bewegen, er plädiert für Schüleraustausch und Jugendprojekte. Auch Johannes Ebert, Leiter des ägyptischen Goethe-Instituts, der auch für den Nahen Osten zuständig ist, zieht der Podiumsdiskussion schon lange andere Formen des Austauschs vor. Er setzt auf Zusammenarbeit über längere Zeiträume: So waren etwa deutsche Stadtschreiber, die bislang keinen Kontakt in die Region hatten, in der arabischen Welt und schrieben gleichzeitig für deutsches und arabisches Publikum. In einem neuen Projekt beschäftigen sich Deutsche und Araber damit, wie die Schule der Zukunft aussehen könnte. Vielleicht fällt es bei solchen praktischen Kooperationen ja leichter, ideologische Fesseln und Befangenheiten über Bord zu werfen.

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