Kultur : Dampframme

Frank Noack

Romanautoren haben gegenüber Filmemachern einen großen Vorteil. Sie können lästige Details überspringen. Wie haben sich Menschen in der Antike unterhalten? Wie haben sie im Mittelalter mit Messer und Gabel hantiert? Auch bei der Darstellung technischer Utopien ist im Roman mehr möglich als im Film. Der Kinogänger, gerade in unserer technisch hochentwickelten Zeit, akzeptiert nicht mehr jedes Gerät, das dampft und Wunder vollbringen soll.

Wie zum Beispiel funktioniert eine "Time Machine"? In dem 1895 erschienenen Klassiker von H. G. Wells konnte die Reise durch Zeiten behauptet werden, und in der liebenswert naiven MGM-Verfilmung von George Pal (1959) funktionierte das auch. Die Neuverfilmung - inszeniert vom Urgroßenkel des Autors, Simon Wells - mag gut gemeint sein, aber der Zuschauer lässt sich nicht mehr so viel vormachen. Selbst größere Könner hätten das Problem nicht viel besser bewältigt. Die Zeitmaschine sieht aus wie vom Rummelplatz.

Der Protagonist der Neuverfilmung heißt Alexander Hartdegen, ist Professor an der Columbia University in New York und muss um 1900 erleben, wie seine Verlobte von einem Straßenräuber erschossen wird. Er reist ein paar Minuten zurück, aber auch da kommt seine große Liebe zu Tode. Schließlich reist er aus Versehen in die Zukunft, die eher der Steinzeit ähnelt. Ein friedliebendes Naturvolk, die Eloi, kümmert sich um ihn. Doch die Eloi werden von einem anderen Volk, den Morlocks, unterdrückt. Alexander wundert sich darüber, dass die Eloi sich alles gefallen lassen, und lehrt sie die Selbstverteidigung.

In den ersten Szenen chargiert Guy Pearce furchtbar, um die Schusseligkeit Alexanders zu verdeutlichen. Nachdem ihm das Lachen vergangen ist, wird er besser. Samantha Mumba macht eine gute Figur als Exotin Mara, deretwegen Alexander keine weitere Zeitreise mehr antreten will, und als Anführer der bösen Morlocks sieht Jeremy Irons so aus, als habe sich Iggy Pop als Debbie Harry verkleidet. Politische und philosophische Dimensionen werden angestrebt, doch die neue "Zeitmaschine" ist nicht mehr als ein wenig tiefgründiges Märchen. Immerhin noch besser als Tim Burtons "Planet der Affen"-Remake.

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