Dan Auerbach : Weißes Rauschen

Ewiger Blues: Dan Auerbach legt mit seinem Solo-Debüt die große amerikanische Erzählung frei.

Kai Müller
Auerbach
Schätze aus dem Keller. Der Gitarrist Dan Auerbach.-Foto: Promo

E-Gitarristen haben das Solo-Gen. Irgendwann packt es sie, dann lassen sie die Band hinter sich, die sie berühmt gemacht, aber auch auf eine Rolle festgelegt hat. Selbst wenn es dafür einen triftigen Grund gar nicht gibt. Bei Dan Auerbach, der einen Hälfte des Powerrock-Duos The Black Keys, ist das nicht anders. Obwohl die Band – wie die sehr viel berühmteren White Stripes – auf brachialen Bluesrock abonniert ist, hätte sie sich in jede nur erdenkliche Richtung weiterentwickeln können. Der einzige, den Auerbach davon hätte überzeugen müssen, wäre sein Kompagnon, Schlagzeuger Pat Carney, gewesen. Eine lösbare Aufgabe, zumal Carney sich Experimenten, wie die fünf seit 2002 erschienen Black-Keys-Alben zeigen, keineswegs verweigert.

Aber für Carneys harsches, berserkerndes Spiel ist in einer zärtlichen Folk-Nummer wie „When the Night Comes“ kein Platz. Und auch „Trouble Weighs A Ton“ braucht nicht wuchtige Beckenschläge, um mit jedem Takt zu wachsen. Es ist das Auftaktstück von Auerbachs fantastischem Solodebüt „Keep It Hid“, eine Trauerballade, die all die Sorgen und Nöte eines Landes in wirtschaftlich schweren Zeiten aufzusaugen scheint. Wie ein Alter adressiert der 29-Jährige seinen nur von der Akustikgitarre getragenen Drei-Akkord-Blues an die Ermatteten, die den Glauben an Besserung verloren haben. „What once was sweet, the sorrow and greed“, singt er, „cannot be undone“.

Es ist von jeher seine Unwiederbringlichkeit, die den Blues zur Urkraft der Popmusik macht. Obwohl er oft als Fixpunkt nostalgischer Rückversicherungen dient, ist Blues, wo er groß und unerbittlich daherkommt, von sentimentalen Regungen frei. Denn Blues, das ist auch der ewig nagende Selbstzweifel. Er erzählt vom Versagen, für das man niemandem die Schuld geben kann, außer dem Idioten, der oft nicht nur sich, sondern auch andere in den Abgrund reißt, und der man selbst ist. „I had my earthly riches, I had each and every one“, greint so auch Bruce Springsteen auf „Working on a Dream“. Er verschweigt den Grund für den Verlust all der Reichtümer nicht: „I had my good eye to the dark and my blind eye to the sun“. Verblendung, Reue. Es ist zu spät. Daran lässt der „Boss“ keinen Zweifel. Gallig spuckt er seine Sätze in das wild-heulende Blues- Geschepper der E-Street-Band. „Good Eye“ ist der einzige Song des zur Inauguration von Präsident Obama veröffentlichten Springsteen-Albums, das unversöhnlich klingt.

Der Blues kehrt zurück. Verschwunden war er nie, obwohl sich die schwarzen Kids lieber Hip-Hop zuwandten und das Feld einer antimodernen Popband wie den White Stripes überließen. Seit die den alten Humus mit neuer Wildheit bepflanzt und zum heavy stuff macht, kommt Blues mehr und mehr in Mode. Eine Indie-Band wie The Heartless Bastards aus Dayton, Ohio, deren jüngstes Album „The Mountain“ letzte Woche erschienen ist, bedient sich der Blaupausen des Blues für exzentrische Streifzüge durch verzweifelte Seelen. Andererseits sind da Traditionalisten wie der 29-jährige Derek Trucks aus Florida, der als Wunderkind der Americana-Gitarre gilt und dessen CD „Already Free“ nächste Woche herauskommt. Sie wollen aus der Urform des Blues-Schemas das Einfache gewinnen. Und an die Autorität der großen Erzählungen anknüpfen.

Mögen diese Geschichten auch alt sein, historisch sind sie nicht, wenn es stimmt, was der Schriftsteller Leslie Fiedler gesagt hat: Dass die USA keine Mythen haben, sondern „im Mythos leben“. Im Blues schwingt das Wissen um eine Vergangenheit mit, die nicht vergehen kann. „Gebt mir den Hammer, der John Henry umgebracht hat“, bittet Joe Bonamassa zu Beginn seines ebenfalls brandneuen Albums „The Ballad of John Henry“. Der Sänger-Gitarrist aus Upstate New York sucht den Schulterschluss mit dem „ultimativen Helden der Arbeiterklasse“ (Bonamassa), von dem es heißt, dass er bei der Aussicht, als Schienenarbeiter von einer Dampfpresse ersetzt zu werden, sich auf einen Wettkampf einließ, überlegen zeigte und erschöpft starb.

Gewidmet hat Bonamassa seine Arbeit allen, die es nie zum CEO schaffen werden und dennoch weitermachen: „Give me the Hammer of John Henry/ It won’t kill me“, singt er. Trotz einer frühen Leidenschaft für schwarze Blues-Größen wie Robert Johnson orientiert sich der 31-jährige Musiker mehr an der ersten Transformationsstufe des Blues: Zu seinen Göttern zählt mit Eric Clapton, John Mayall und Jeff Beck die Generation weißer Adepten, die das Urwüchsige des Blues in den mächtigen Sound des Rock übersetzten. Trotz schwerer, eingängiger Riffs, toller Soli und geschmackvoller Slide-Gitarren fehlt Bonamassas bislang bester CD das Räudige, Dreckige, Verkommene. Sie klingt dann doch wie eine High school-Version des Blues.

Das Problem mit Bluesrock ist, dass er Musiker in dem Streben nach Einfachheit animiert, einfallslos zu sein. Da wird das simple Riff ohne Kniff gespielt und das harmonische Zwölf-Takt-Schema nur abgespult. Auch Auerbachs „Keep It Hid“ zeigt gelegentlich solche Ermüdungserscheinungen. Aber wie man innerhalb des mythischen Granitgerüsts doch so etwas wie Zauberei veranstalten kann, demonstriert der Multiinstrumentalist aus Akron, Ohio, im Titelsong. Da wird die Stimme durch einen übersteuerten Miniverstärker geschickt, es kreischt und scheppert, das Schlagzeug schleppt sich dahin, antriebslos, unwillig. Und wiedergegeben wird der atemlose Monolog eines Mannes auf der Flucht, der sein „Baby“ bittet, auf ihn zu warten und das Geldversteck für sich zu behalten. Ob sie es tun wird, verrät „Keep It Hid“ nicht. Aber man kriegt eine Ahnung, wie verloren der Bursche wirklich ist, wenn man das Gezeter der Gitarre hört.  

Blues ist in den Händen des bärtigen Schrats ein Medium der Narration. Äußerlich ein Geistesbruder der Weird-Folk-Bewegung lässt sich Auerbach in seinen Songs über Obdachlose, die unter Brücken schlafen, und einen Kriegsheimkehrer, den die Straßendekoration verstört, mehr von einer Vision des Blues lenken als von dessen Praxis. Das rückt ihn in eine Reihe mit Captain Beefheart und Tom Waits, wie das funky-bollernde „Mean Monsoon“ unterstreicht. Im Unterschied zur Armada all der vermaledeiten Bluesrocker hat diese Musik nicht Muster gespeichert, sondern Erfahrungen.

Dan Auerbachs „Keep It Hid“ erscheint heute bei V2. Joe Bonamassas „The Ballad of John Henry“ wird demnächst bei Rough Trade vertrieben.

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