Dan Flavin : In der Stille des Lichts

Dan Flavins Skulpturen bestehen aus handelsüblichen Leuchtröhren. Die Galerie Bastian zeigt fünf Werke des amerikanischen Künstlers.

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Kunstwerk von Dan Flavin
Zeitlos. „Untitled (for Leo Castelli)“ von Dan Flavin, 1989.Foto: Galerie Bastian

Licht kann man nicht greifen, nicht einmal sehen. Was wir sehen, sind beleuchtete Gegenstände oder leuchtende Objekte, „Leuchtmittel“, wie das in der Fachsprache der Technik heißt. Dan Flavin (1933–1996), der allzu früh verstorbene amerikanische Künstler, hat sein Hauptwerk mit Leuchtmitteln geschaffen, in seinem Fall mit handelsüblichen Neonröhren. Zunächst waren es ausschließlich weiß strahlende Röhren, später farbige, doch stets nur in den Bonbonfarben, die die Industrie herstellte, und zudem Röhren mit unverwandeltem UV-Licht, wie sie früher gerne für Effekte verwendet wurden. Derlei Röhren hat Flavin zu Skulpturen arrangiert, die unterschiedlichen Normlängen der Röhren kombiniert und zu Reihen und Gittern angeordnet.

Die Galerie Bastian präsentiert nun fünf solcher Skulpturen. Das heißt, es sind zum einen die Installationen als Objekte aus Röhren und ihren notwendigen Sockeln oder Trägern zu sehen, zum anderen aber das Licht, das sie aussenden. Es ist zu sehen im Leuchten der Neonröhren, in den Reflektionen im Raum, insbesondere auf dem glatten Boden der Galerie sowie in dem schwachen Widerschein auf Besuchern und Kleidung. Es ist jedoch recht eigentlich zu sehen und zu erfahren nur auf der Netzhaut des Betrachters.

Die fünf Objekte bei Bastian sind zwischen 1964 und 1992 entstanden, doch eine Entwicklung ist nicht zu erkennen. Flavin rechnet der Minimal Art zu, jener Strömung der sechziger und siebziger Jahre, die an die Stelle einer „Handschrift“ des Künstlers den seriellen und womöglich industriell gefertigten Gegenstand setzt, aus dem der Künstler seine Objekte baut oder auch bauen lässt. Es ist nicht wichtig, wer das konkrete Objekt zusammensetzt; typischerweise sind denn auch Flavins Skulpturen Auflagenobjekte, meist in Fünfer-Auflage, auch wenn im Falle der Bastian’schen Objekte bei drei der fünf gezeigten Arbeiten wohl nur jeweils zwei Exemplare gefertigt wurden. Im Grunde drängen die Skulpturen zu beliebiger Vervielfältigung, das entspräche dem Charakter ihres Ausgangsmaterials.

Keine Minimal Art

Die fünf Objekte in den beiden Räumen der Galerie Bastian überdecken nicht nur den Großteil der Schaffenszeit Flavins, sie zeigen auch eine bemerkenswerte Vielgestaltigkeit. Die nebeneinander montierten Röhren der sechziger Jahre, „Ohne Titel (Rosa und gelb fluoreszierendes Licht)“ von 1964 und „Ohne Titel (Rosa und fluoreszierendes Licht)“ fünf Jahre darauf, ragen schlank in die Höhe, wobei die größere und hellere Röhre ihre Nachbarn überstrahlt. Bei der ebenfalls unbetitelten, bezeichnenderweise dem anderen großen Minimalisten Donald Judd gewidmeten Arbeit von 1987 formen die rosa und grün leuchtenden Röhren ein großes „T“, bei der Arbeit von 1992 ein ganz schlankes „T“ eher in Gestalt eines umgekehrt an die Wand gelehnten Besens. Farblich am opulentesten ist das Leuchtröhrengitter „für Leo Castelli“ – den großen New Yorker Galeristen –, bei dem gleich fünf verschiedene Farben zum Einsatz kommen.

Flavin hat sich stets gegen die Einordnung seiner Kunst in den Bereich der Minimal Art gewehrt, und wörtlich genommen sind seine Arbeiten alles andere als „minimal“. Sie verhalten sich zum umgebenden Raum, sie beziehen ihn ein, sie aktivieren ihn; im Gegensatz zu James Turrell, diesem anderen großen Lichtkünstler, zeigt Flavin stets die Lichtquelle. Die Neonröhren sind der fassbare Teil seiner Installationen, sie sind konkret vorhanden. Das Licht stellt den unfassbaren Teil dar. Wie „groß“ der Raum ist, den Flavins Lichtobjekte bilden, hängt nicht zuletzt vom Betrachter ab; davon, ob und wie weit er sich dem Objekt nähert. Flavins Installationen benötigen daher viel Platz, und oft genug hat der Künstler ganze, auch riesengroße Räume wie etwa Kunsthallen mit jeweils einer einzigen, ortsspezifischen Installation gefüllt. Das Licht der Neonröhren bleibt konstant, unwandelbar, es ist still, so still, dass die Stille wiederum ein Teil der Arbeiten wird. Sie sind ohne Geschichte, noch gar erzählen sie eine. Sie sind zeitlos und zeitlos schön.
Galerie Bastian, Am Kupfergraben 10, bis 31. Januar. www.galeriebastian.com

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