Kultur : "Dancer in the Dark": Die Macht der Gefühle (Leitartikel)

Christiane Peitz

Wer Kultur sagt, meint heutzutage den Betrieb: die Premiere, das Festival, das Event. Die Kunst hat ihre Messen, die Musik ihre Charts, der Film seine Industrie, und die Verlage müssen hart kalkulieren. Ohne diesen Betrieb ist Kultur nicht möglich.

Es gibt etwas, das in diesem Betrieb nicht ganz aufgeht: das Publikum. Ihm genügt es nicht, nur gut unterhalten zu werden. Deshalb gibt es das Reality-TV à la "Big Brother", die Dogma-Bewegung mit ihren filmischen Reinheitsgeboten, die Nackten auf den Theaterbühnen oder den "Faust" in Echtzeit: wegen der Sehnsucht nach unmittelbarer Erfahrung, nach dem Ehrlichen, Echten. Und dann sind da auch noch die Kunstwerke selbst. Heute kommt ein Film in die deutschen Kinos, "Dancer in the Dark" von Lars von Trier, der jeden Zuschauer überwältigen wird. Und zwar nicht mit den Maschineneffekten der Traumfabrik oder dem Thrill des Tabubruchs, sondern mit der Macht der Gefühle: mit eben jener Unmittelbarkeit, die die simulierte Echtheit der Docusoaps zwar versprechen, aber nicht einlösen kann.

Der Film erzählt von einer jungen Frau, die erblindet und die ihren Sohn vor dem gleichen Schicksal bewahren will - und sei es um den Preis ihres eigenen Lebens. Er verteidigt die Verrückten gegen die Vernunft: ein Musical und zugleich ein Pamphlet gegen die Todesstrafe - eine aberwitzige Kombination. "Dancer in the Dark" hält ein flammendes Plädoyer für das Leben vor dem Tod.

Die Wucht dieses Films rührt auch daher, dass er sich eben nicht an die Cineastengemeinde wendet. Lars von Trier arbeitet mit den populären Mitteln der Massenmedien: mit Stars, PR-trächtigen Songs und der in Mode gekommenen digitalen Videotechnik. Er spricht die Sprache der Jugend, verwendet den Sound des Pop: etwas, das jeder versteht. Nur so wird - wie bei den alten Meistern, bei Caravaggio oder Federico Fellini - sozialer Protest und politische Aufklärung ein sinnliches Erlebnis: eine Lust, ein Schmerz, eine körperliche Erfahrung. Nicht bei einer Minderheit, sondern beim großen Publikum. Auf diese Weise gelangen die Bilder, diese gegängelten, manipulierten, missbrauchten Bilder, zu denen zurück, denen sie gehören: den Menschen als den einzigen fantasiebegabten Wesen der Schöpfung.

Kino, das sind 24 Bilder in der Sekunde, mit 24 Dunkelphasen dazwischen. "Das Auge", hat Alexander Kluge geschrieben, "sieht 1/48 Sekunde nach außen und 1/48 Sekunde nach innen". Kunst ergreift uns - und lässt uns wieder los. Der Moment der Dunkelheit ist der Moment der Wahrheit: der Augenblick, in dem die Illusion der Kunst unsere eigenen Visionen zu nähren beginnt. Er nimmt die Entfremdung der Menschen zurück, indem er die Freiheit gewährt, selbst schöpferisch tätig zu werden.

Halten wir das aus? Wir sind, so realistisch, abgeklärt und ironisch wir uns auch geben mögen, pathetische Wesen. Wir brauchen das Pathos, den gelegentlichen Ausnahmezustand: eine Ergriffenheit, die uns nicht klein macht, sondern den Betrachter über sich selbst hinauswachsen lässt.

Vermutlich bleibt "Dancer in the Dark" ein Einzelfall - wie alle große Kunst. Aber dieser eine, mit modernster Technik gedrehte Film genügt, um zu beweisen, dass die Digitalisierung der Bilder nicht zwangsläufig zur Verarmung der Sinne führt. Ebenso wenig lässt sich der Mensch auf die Buchstabenfolge des Genoms reduzieren. Es gibt einen unkontrollierbaren Rest, den niemand je entschlüsseln wird: die Bilder in unserem Kopf. Sie sind mehr als bloße Hirngespinste. Sie sind der Motor, der die Veränderung der Welt erst in Gang setzen kann.

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