Kultur : Dancing Spleen

Und sie kam herabgestiegen: Madonnas erstes Deutschlandkonzert in Düsseldorf

Christian Schröder

Die Szene, über die sich schon vorher die Gemüter erregt hatten, wirkt wie eine Mischung aus Leidensfantasie und Selbstparodie. Lichter flackern, bedeutungsschwanger orgeln die Synthesizer. Madonna liegt auf einem Kreuz, das gravitätisch auf die Bühne gleitet und dann hochklappt. Das Kreuz ist wie eine Discokugel mit kleinen Spiegeln besetzt, die Sängerin trägt eine rote Gaultier-Bluse. Sie singt „Live To Tell“, die Ballade aus ihrem vor zwanzig Jahren erschienenen Album „True Blue“. Ein feierliches Vibrato lässt ihre Stimme sanft erzittern: „A man can tell a thousand lies / I’ve learned my lesson well.“ Die Leinwand hinter ihr strahlt jetzt goldgelb wie eine aufgehende Sonne. Eine Offenbarung, eine Verkündigung. Die Frage ist nur: Was genau will Madonna uns damit sagen?

Ein Bild der Selbstüberhöhung, das genauso obszön wie großartig ist. Weil religiöse Eiferer gegen die Kreuzigung protestiert hatten, wollte die Kölner Staatsanwaltschaft Madonnas Auftritt in der Düsseldorfer LTU-Arena, so hatten es die Nachrichtenagenturen gemeldet, beobachten lassen. Die Sängerin wurde trotzdem nicht verhaftet, das erste von zwei Konzerten ihrer „Confessions“- Tour auf deutschem Boden – heute wiederholt sich das Spektakel in Hannover – musste nicht abgebrochen werden. Stattdessen jubelten ihr 45000 Zuschauer zu, als sie, die blonden Locken von einer prachtvollen Dornenkrone umfangen, von ihrem Kreuz herabstieg. Wenn es je einen Popstar gab, der – um ein Bonmot von John Lennon aufzunehmen – beliebter war als Jesus, dann ist es Madonna in diesem Augenblick.

Im Internet ist eine heftige Debatte darüber entbrannt, wie die Kreuzigungs- nummer zu verstehen sei. Spielt sie auf die Unterdrückung der Frau an? Meint sie Aids? Will sie sich als Vergewaltigungsopfer outen? Dabei ist die Show vor allem das ultimative Pop-Spektakel im XL-Format, ein perfekt zelebriertes Disco-Inferno, bei dem einem die Zeichen, Verweise und Zitate im Sekundentakt um Augen und Ohren gehauen werden.

Madonnas Auftritt: eine Ankunft wie von einem anderen Stern. Zu grünlich flackerndem Licht und hart tschakernden Beats senkt sich eine gewaltige Discokugel herab, Logo ihres im November herausgekommenen Albums „Confessions On A Dance Floor“. Die Kugel öffnet sich wie eine Blüte, Madonna entsteigt ihr in der Reitermontur einer englischen Society-Lady, schwarzes Kostüm, Rüschenkragen, Zylinder mit Schleier und Peitsche. Sie singt „I’m gonna tell you about love“, übergangslos wechseln die House- Rhythmen des Hits „Future Lovers“ zum Retrogetacker von Donna Summers Stöhncredo „I Feel Love“. Madonna, 48 Jahre alt und gerade erst zur „attraktivsten Frau der Welt über 40“ gewählt, stöhnt nicht. Skandale hat sie nicht mehr nötig, die Explizitheit ihrer „Erotica“-Phase liegt hinter ihr. Wenn sie dann doch, harmloses SM-Vaudeville-Theater, ein paar halbnackte Tänzer an Hundeleinen hinter sich herzieht oder auf einem Pferdesattel gynäkologische Verrenkungen vorführt, wirkt das eher selbstironisch als pornografisch: eine harmlose Reminiszenz an ihre wilden Jahre.

Madonna ist eine Großmeisterin in der Kunst des Sich-selbst-neu-Erfindens. Ihre Karriere begann vor einem Vierteljahrhundert mit den New-Wave-Pophits „Holiday“ und „Like A Virgin“, danach wechselte sie nahezu mit jedem neuen Album ihren Stil und ihr Image und wurde dabei allen Rollenspielen zum Trotz immer mehr sie selbst. Sie war Punk-Lolita, Marilyn-Klon, Evita-Tragödin, Superschlampe, Marlene-Dietrich-Wiedergängerin, Riot-Girl. Spätestens mit ihrem 1998 erschienenen Electro-Meisterwerk „Ray Of Light“ kam sie im Zenit an, sie hat in der Musik alles erreicht und ist der größte weibliche Popstar aller Zeiten.

„Confessions“ fasst all diese Selbstinszenierungen und Zuschreibungen in einer grandiosen, barock überladenen und verdammt lauten Zweistunden-Show zusammen. Madonna spielt zwanzig Songs aus sämtlichen Schaffensperioden und begnügt sich dabei nicht mit der schlichten Wiederaufbereitung. „Like A Virgin“, ihr fast schon zu Tode gecovertes Trällerpop-Liedchen, singt sie als Rodeoreiterin in einer zackig groovenden House-Version. „La Isla Bonita“ inszeniert sie mit Akustikgitarre vor kitschigen Sommer- Palmen-Sonnenschein-Bildern. Die hinreißende Ballade „Lucky Star“ schwelgt in Synthesizer-Sinfonien.

Die Musiker, die sich in der Bühnenmitte verschanzt haben, sind die Statisten des multimedialen Bühnen-Overkills: ein Gitarrist, ein Schlagzeuger und zwei DJs hinter gewaltigen Pulten. Ihre ingenieurhafte Erscheinung in weißen Anzügen erinnert an die Sachlichkeit von Kraftwerk, an deren kühle Elektronik Madonna auch soundtechnisch anknüpft. Was zählt, ist der Beat. Und der ist meist schnell und hart. „I wanna see you jump“, brüllt Madonna, und Zehntausende im Innenraum des Sportstadions hüpfen, tanzen, jubeln. Was folgt, ist der Electroknaller „Music“, der die Botschaft des Abends auf den Punkt bringt: „Music makes the people come together.“ Über die drei Leinwände zuckt ein Stakkato von Nachrichtenbildern, ein wüster, wild geschnittener Videoclip aus Dämonenfratzen und Politikerköpfen. Hitler, Nixon, bin Laden, Bush, Rice, Rumsfeld. Dann malt weißes Licht die Skyline von New York auf die Bühne, Madonna singt „I love New York“. Eine Liebeserklärung an die Stadt, in die sie einst, so die Legende, mit nichts als 35 Dollar in der Tasche gekommen war.

Madonna spielt das halbe „Confessions-On-A-Dance-Floor“-Album durch, turnt auf einem Reck, fügt sich Sekunden kurz in die Chorus Line eines Synchrontanzes, posiert lasziv auf einem Thonet-Stuhl, schlängelt sich reptilienhaft über einen Laufsteg, der ins Publikum führt. Zwischendurch verschwindet sie immer wieder in einem Loch, das sich plötzlich auf der Bühne vor ihr auftut, um danach in einem neuen Outfit als Dea ex Machina an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das ist schwindelerregender, nur von kurzen Verschnaufpausen unterbrochener Hochleistungssport. Für Spontaneität bleibt da wenig Platz, maschinenhaft spult sich das Programm ab. Umso eindrucksvoller sind die wenigen Momente, in denen Madonna sich statt als Pop-Göttin als Wesen aus Fleisch und Blut präsentiert. Dann sitzt sie auf einer Treppenstufe und plaudert über den Zustand des Glücklichseins.

„Die Bühne ist eine Bestie, die wir beherrschen müssen“, sagt Madonna in einer Dokumentation über ihre „Re-Invention“-Tour von 2004, die pünktlich zur „Confessions“-Weltreise auf DVD erschienen ist (Warner). In „I’m going to tell you a secret“ kehrt sie die harte Arbeiterin und besessene Dienstleisterin heraus. „Ich will“, fordert Madonna von ihren Mitstreitern, „dass wir alle hinausgehen, um die Leute im Publikum an einen anderen Ort zu bringen und sie dazu zu inspirieren, bessere Versionen der Leute zu werden, die sie bereits sind.“

Das Düsseldorfer Konzert endet natürlich mit „Hung up“, Madonnas jüngstem Megaknaller. Ihre Tänzerinnen haben ihr einen Boxer-Bademantel gereicht, auf dem „Dancing Queen“ steht. Ein fröhlich flötendes Abba-Sample setzt ein. Die Halle hat sich in ein Lichtermeer verwandelt, hellgrün schimmern die Displays der Handys, auf denen die Szene für die Ewigkeit gespeichert wird. Dann ergießen sich goldene Luftballons über die Köpfe der Fans. Der Rest ist Tanzen.

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