Kultur : Dandy und Maestro

Dem Theaterweltmann Andrzej Wirth zum 80.

Peter von Becker

Als wir unlängst über die späten Enthüllungen seines alten Freundes Günter Grass sprachen, da lachte Andrzej Wirth, der polnisch-amerikanische Gelehrte und Charlottenburger Grandseigneur, lachte sein wunderbar listiges Lächeln und sagte: „Auch ich gehöre ja zur Flakhelfergeneration!“ Dann fügte er ganz slawisch melodiös in seinem mit Harvard-Akzent grundierten Deutsch hinzu: „Allerdings haben meine Generationskollegen nicht auf Flugzeuge, sondern auf mich gezielt. In Warschau hatten die Deutschen mit ihren Flak-Kanonen statt hoch in den Himmel auf uns im Schutt und Dreck herabgeschossen, und die Russen haben von ferne zugeschaut...“

Da war er 17, kämpfte im Sommer 1944 als Schüler eines Untergrundgymnasiums mit beim Warschauer Aufstand, während sein Vater in London Minister der polnischen Exilregierung war und seine landadlige Mutter längst ihre Güter in Ostpolen verloren hatte. Ein vermeintlich hoffnungsloser Fall. Heute aber wird Andrzej Wirth nach einer erstaunlichen internationalen Karriere als Wissenschaftler, Inspirator und Impresario 80. Darum feiern ihn seine Freunde und Schüler im Berliner Hebbel am Ufer.

Seine Schüler? Wenn es für die deutsche Szene einen philosophisch-artistisch alle Grenzen und Genres überschreitenden Erfinder und Ergründer von der Prämoderne bis zurPostmoderne gab, dann diesen schlanken schlendernden Herrn, der mit weißem Schal und weichem Schlapphut auf der Straße und im Salon noch immer viel mehr ist als nur, neben Nicolas Sombart, Berlins wohl letzter Dandy.

Eine wichtige, folgenreiche Episode auf seinem Lebensweg war 1982 die Gründung des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaft – im stillen hessischen Gießen. Dort wehte Wirth wie ein sanfter Orkan zunächst in die Akademiker-Szene, brachte die Erfahrungen der inszenatorisch und spielerisch orientierten US-Drama-Departments erstmals an eine deutsche Universität. Bald aber wurde die „Gießener Schule“ bekannt im ganzen Land und die Provinz zur Provenienz: Aus Gießen, von Wirth kamen nun Regisseure, Dramatiker, Romanciers und Pop-Performer, die wie ihr Lehrer nach Berlin oder New York drängten; ihre Namen reichen von René Pollesch bis Tim Staffel und Moritz Rinke, von der Gruppe Rimini Protokoll bis zu den She She Pops.

Nach dem Krieg hatte Wirth in Warschau Philosophie und Ästhetik studiert, er übersetzte Horaz und Brecht, den frühen Grass und (mit Marcel Reich-Ranicki) Kafkas „Schloss“ und Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“; in den sechziger Jahren entkam er dem neuerlichen Stalinismus mit einem Rockefeller-Stipendium in die USA, wurde Professor unter anderem in Stanford und Harvard, begleitete die Gruppe 47 zur legendären Tagung in Princeton – und wurde in Deutschland zum Propheten des noch fast unbekannten Theatergenies Robert Wilson. So erkannte Wirth 1979 als erster, dass in Wilsons Schaubühnen-Rätselstück „Death, Destruction & Detroit“ die Biographie Albert Speers verborgen war.

Auch er ist ein intellektueller Spieler. Bei seinen privaten Festen legt er bisweilen die Exil-Generalsuniform seines Vaters an, als Hommage an ein versunkenes Polen. Oder er tritt als Gast einer Party mit einer venezianischen Contessa und Modeschöpferin auf, die alle anderen weiblichen Gäste in Models verwandelt. Während er, der Nachfahre des polnischen Surrealismus eines Witkiewicz und Gombrowicz, das unsichtbar dirigiert. Da capo!

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