Dani Karavan : Was der Ort dem Künstler flüstert

Bekannt gemacht hat ihn seine Teilnahme an der Documenta 1977. Doch Dani Karavan pflegt ein unaufdringliches Kunstverständnis. Zum 80. Geburtstag des Bildhauers.

Jens Hinrichsen
Dani Karavan
Dani KaravanFoto: ddp

Der Bildhauer Dani Karavan integriert seine meist begehbaren Werke so in ihr Umfeld, dass sie Teil des Ganzen werden. Es gehe ihm nicht darum, „einem Ort oder einer Landschaft etwas gewaltsam aufzupfropfen“, sagt Karavan.

Heute pendelt der Künstler zwischen Paris, Florenz und Tel Aviv, wo er am 7. Dezember 1930 zur Welt kam. Sein Vater Abraham Karavan zählte zu den großen Architekten Tel Avivs. Der Sohn wollte Maler werden und studierte an der berühmten Bezalel Academy of Arts. Ein Aufenthalt in Florenz brachte 1957 die Wende. Fasziniert von der Eigenart der Renaissancekunst, enge Beziehungen zwischen Werken, Standorten und Situationen herzustellen, beschloss Karavan mit Ende zwanzig, sich fortan auf Arbeiten im öffentlichen Raum zu konzentrieren. Aus den Fresken leiteten sich Betonreliefs ab. Daraus entstanden Großprojekte wie das Negev Brigade Monument (1963–68), eine Arbeit, die an den israelischen Unabhängigkeitskrieg erinnert.

Rostiger Stahl erschien ihm passender für sein 1994 vollendetes Denkmal am Friedhof des katalanischen Ortes Portbou. Gewidmet sind die „Passagen“ Walter Benjamin, der sich dort 1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm: eine in den Himmel führende und dann abbrechende Treppe. Dazu gehören Stufen, die zu einem offenen, über das Meer ragenden Stahlkorridor führen. Wichtige Inspirationsquelle für das Hauptwerk Karavans war ein Wasserstrudel, ein „Loch im Meer“, das der Künstler während seiner Vorbereitungen beobachtete. Walter Benjamins Bücher ließ er in der Recherchephase zugeklappt, er wollte nicht zum Illustrator verkümmern.

In Duisburg schuf Karavan den „Garten der Erinnerung“ an die alte Industriearchitektur. Achsen, die Orte verbinden, gezackte oder verschlungene Wege sind typische Merkmale der Raumkunst Dani Karavans. Gleise kehren häufig wieder, als Chiffren der Transporte in die Vernichtungslager. Ganz anders, von Ideen wie Freiheit und Transparenz geprägt, markieren die 19 Glasplatten mit dem eingravierten „Grundgesetz 49“ an der Berliner Spreepromenade die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. 2002 wurde die Arbeit installiert. Es dauerte sechs weitere Jahre, bis der Künstler im Martin-Gropius-Bau seine erste Retrospektive in Deutschland erhielt. Doch wurde das museale Kondensat den Dimensionen seiner Erfahrungsräume nicht gerecht. Für den Tiergarten hat Karavan ein Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma entworfen – ein kreisrunder Brunnen mit scheinbar endlos tiefem Grund.

Seinen Schaffensprozess hat Karavan als ein „Ablauschen“ des jeweiligen Umfeldes beschrieben. Auch beim Entwerfen der Modelle versuche er zu verstehen, „was mir der Ort sagt“. Heute feiert Dani Karavan seinen 80. Geburtstag.

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