Daniel Barenboim : Warum ich palästinensischer Staatsbürger geworden bin

Um zu überleben, muss Israel die Palästinenser integrieren, sagt Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper. In seinem Beitrag für den Tagesspiegel fordert er eine doppelte Staatsbürgerschaft für alle Israelis und Palästinenser.

Daniel Barenboim
Daniel Barenboim
Engangiert sich für eine Aussöhnung im Nahen Osten: Generalmusikdirektor Daniel Barenboim -Foto: AFP

Daniel Barenboim, der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, setzt sich seit langem für eine Aussöhnung im Nahen Osten ein. Mit dem Palästinenser Edward Said gründete er 1999 das West-Eastern Diwan Orchestra, in dem Israelis und Araber gemeinsam musizieren. In Ramallah hat Barenboim wiederholt Klavierabende gegeben. Nach einem dieser Auftritte erhielt er im Januar nun einen palästinensischen Pass. Ein symbolischer Akt, kommentierte die Zeitung „Haarez“ aus Tel Aviv, da aus israelischer Sicht die Palästinenser keine Staatsbürgerschaften vergeben dürfen.





Ich habe schon oft erklärt, dass die Schicksale des israelischen und des palästinensischen Volkes unauflöslich miteinander verknüpft sind und dass es für den Nahost-Konflikt keine militärische Lösung gibt. Die palästinensische Staatsbürgerschaft, die ich kürzlich angenommen habe, gibt mir Gelegenheit, diesen Gedanken noch konkreter zu fassen. Als meine Familie in den Fünfzigerjahren von Israel nach Argentinien zog, ging es meinen Eltern auch darum, mir zu ersparen, in einer Minderheit aufzuwachsen – in einer jüdischen Minderheit. Sie wollten, dass ich in einer Mehrheit aufwachse – in einer jüdischen Mehrheit. Abgesehen davon, dass ich also in einer Gesellschaft erzogen wurde, deren Menschlichkeit und Werte mein Denken auf großartige Weise bereichert haben, hat meine Generation jedoch stets ignoriert, dass in Israel selbst eine Minderheit existierte – eine nicht-jüdische Minderheit – die vor der Gründung des Staates Israel 1948 in ganz Palästina die Mehrheit der Bevölkerung gestellt hatte. Das halte ich für eine Tragödie. Teile der nicht-jüdischen Bevölkerung blieben in Israel, andere flüchteten oder wurden gewaltsam vertrieben.

Die israelisch-palästinensischen Konfliktparteien sind bis heute unfähig, sich ihre gegenseitige Abhängigkeit voneinander einzugestehen. Die Geburt des Staates Israel gehorchte einer jüdisch-europäischen Idee, die, wenn sie als Leitmotiv eine Zukunft haben will, die palästinensische Identität als gleichwertiges Leitmotiv unbedingt anerkennen muss. Denn es ist schlicht unmöglich, die demographische Entwicklung zu ignorieren. Die Palästinenser in Israel sind zwar eine Minderheit, aber eine, die rasch wächst. Ihre Stimme muss stärker gehört werden denn je. Heute machen sie etwa 22 Prozent der Bevölkerung in Israel aus. Dieser Prozentsatz ist größer als jede jüdische Minderheit in irgendeinem Land zu irgendeiner Zeit. Die absolute Zahl der Palästinenser, die in Israel und den besetzten Gebieten leben (Groß-Israel für die Israelis, Groß-Palästina für die Palästinenser), ist jetzt bereits größer als die der jüdischen Bevölkerung.

Momentan sieht sich Israel mit drei Problemen auf einmal konfrontiert: mit dem Wesen des modernen, demokratischen, jüdischen Staates – also mit seiner ureigenen Identität; mit der palästinensische Identität innerhalb Israels; und mit der Frage eines außerhalb Israels zu gründenden palästinensischen Staates. Was hier im Verein mit Jordanien und Ägypten erzielt wurde, kann bestenfalls als ein eiskalter Friede beschrieben werden, der Israels Existenz als jüdischer Staat nicht infrage stellt. Das Problem der Palästinenser in Israel hingegen stellt theoretisch wie praktisch ungleich größere Herausforderungen dar. Für die Israelis bedeutet eine mögliche Lösung, neben anderem, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass das Land, das sie besiedelten, weder öde war noch leer. Es handelte sich eben nicht um ein „Land ohne Volk“, wie die Propaganda zur Zeit der Staatsgründung gerne behauptete. Und für die Palästinenser wiederum bedeutet eine mögliche Lösung, die Tatsache zu akzeptieren, dass Israel ein jüdischer Staat ist und bleiben wird.

Die Israelis müssen die Integration der palästinensischen Minderheit akzeptieren, und zwar auch dann, wenn die zur Folge hat, dass sich bestimmte Aspekte des Staates ändern. Und sie müssen sowohl die Berechtigung wie die Notwendigkeit eines palästinensischen Nachbarstaates anerkennen. Nicht nur, dass es dazu keine Alternative gibt (die Palästinenser werden ihnen nicht den Gefallen tun, sich in Luft aufzulösen oder hinter einem Eisernen Vorhang zu verschwinden) – die Integrationsfrage ist in moralischer, sozialer und politischer Hinsicht unabdingbar für das Überleben Israels selbst. Je länger die Besetzung der Gebiete andauert und je unzufriedener die Palästinenser werden, umso schwieriger wird es, sich in ganz elementaren Fragen miteinander zu verständigen. Wir haben schon so oft in der modernen Geschichte des Nahen Ostens erlebt, welch schreckliche Folgen verpasste Gelegenheiten zur Aussöhnung für beide Seiten hatten.

Als man mir den palästinensischen Pass anbot, habe ich ihn aus dem Geist und der Überzeugung heraus angenommen, dass ich als Israeli das Schicksal der Palästinenser teile. Ein aufrichtiger Bürger Israels muss dem palästinensischen Volk mit Offenheit begegnen und zumindest versuchen, nachzuvollziehen, was die Gründung des Staates Israel für diese Menschen bedeutete. Der 15. Mai 1948 ist für die Juden der Tag ihrer Unabhängigkeit; bei den Palästinensern heißt der selbe Tag „Al Nakba“: die Katastrophe. Ein wahrer Bürger Israels muss sich fragen, was die Juden als intelligentes, gebildetes Volk eigentlich dazu getan haben, um ihr kulturelles Erbe mit den Palästinensern zu teilen. Ein ehrlicher Bürger Israels muss sich auch fragen, warum die Palästinenser dazu verdammt sein sollen, in Slums zu leben und niedrigere Standards in Bildung und medizinischer Versorgung zu akzeptieren, anstatt unter ihren Besatzern in anständigen, würdevollen und lebenswerten Bedingungen zu leben – ganz so, wie es allen Menschen von Rechts wegen zusteht.

In jedem besetzten Gebiet tragen die Besatzer für die Lebensqualität der Besetzten die Verantwortung. Was die Palästinenser betrifft, so sind die verschiedenen israelischen Regierungen in den vergangenen 40 Jahren daran jämmerlich gescheitert. Natürlich müssen sich die Palästinenser weiterhin gegen die Besetzung wehren und gegen alle Versuche, ihnen individuelle Bedürfnisse und ihre Souveränität abzusprechen. In ihrem eigenen Interesse aber darf sich diese Gegenwehr nicht in Gewalt äußern. Das Überschreiten der Grenze von der Unerbittlichkeit des Widerstands (einschließlich gewaltfreier Demonstrationen und Proteste) zur offenen Gewalt zeitigt nur noch mehr unschuldige Opfer und dient dem palästinensischen Volk auf lange Sicht nicht. Gleichzeitig haben die Bürger Israels jeden Grund, sich um die Belange und Rechte des palästinensischen Volkes (innerhalb wie außerhalb Israels) ebenso zu kümmern und zu besorgen wie um ihre eigenen.

Wenn wir schon ein Land und ein Schicksal miteinander teilen, dann sollten wir auch alle die doppelte Staatsbürgerschaft haben.

Aus dem Englischen von Christine Lemke-Matwey.

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