Kultur : Daniel Keel: Patriarch und Spielernatur

Heike Kunert

"Willst Du mich?", fragte Friedrich Dürrenmatt eines Tages den Schweizer Verleger Daniel Keel. Der wollte.

Neben dem Dramatiker und Schriftsteller Dürrenmatt sind zeitgenössische Autoren wie Patrick Süskind, Patricia Highsmith, John Irving und George Simenon längst zu literarischen Zugpferden des von Keel gegründeten Diogenes Verlages avanciert. Seine Geschichte, mit der heute größten im deutschen Taschenbuchbereich erhältlichen Klassiker-Reihe, begann 1952 in Zürich - und zwar mit den makabren Zeichnungen des englischen Cartoonisten Ronald Searle. Damit fing für den 1931 im Schweizerischen Einsiedeln geborenen Keel das verlegerische Abenteuer an.

Keel durchsuchte die Kulturgeschichte nach einer Galionsfigur, die den passenden Namen für seine unternehmerische Idee liefern sollte. Er entschied sich für Diogenes von Sinope, den kuriosen griechischen Philisophen, der Tugend und moralische Freiheit in der Wunschlosigkeit suchte, und, in seiner berühmten Tonne liegend, den Herrscher bat, ihm "aus der Sonne" zu gehen.

Die Voltaire-Devise "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht!", wurde vom persönlichen Verleger-Motto zur erfolgreichen Verlags-Philosophie. Über Umsatzzahlen schweigt Keel hartnäckig. Gleichwohl: 1999 war Diogenes zum dritten Mal in Folge der erfolgreichste deutschsprachige Belletristik-Verlag des Jahres.

Seine verlegerische Entscheidungsgrundlage definiert Keel wie folgt: "Ich höre auf meinen Bauch, mein Herz, meine Eingeweide und meine Nase." Und die gute Nase fürs Geschäft, für Qualität scheint ihn in seiner langjährigen Erfolgsgeschichte nie im Stich gelassen zu haben. Bis heute hat Diogenes rund 3 500 Titel herausgegeben, über 400 Autorinnen und Autoren stehen im Verlagsprogramm. Sich selbst bezeichnet Keel als Spielernatur und Patriarch. Letzterer gibt ihm die Freiheit, nur das zu verlegen, was ihm gefällt. Keel legt Wert darauf, statt eintönige Bestseller zu vermarkten, individuelle Lesebedürfnisse zu befriedigen.

Diogenes betreut außerdem wichtige Theaterrechte wie die von Friedrich Dürrenmatt oder Patrick Süskinds "Kontrabaß", und "entdeckte" den Bestseller-Autor Bernhard Schlink ("Der Vorleser"). Mit Loriot, Flora, Sempé und Tomy Ungerer gesellt sich zur "Klassik" der Humor.

Der Jubilar denkt nicht ans Aufhören. Wie eine makabre Zeichnung seines ersten Karikaturisten mutet Keels Vorstellung von seinem Abschied an: "Ich sehe mich nicht in Rente gehen. Ich sehe mich tot umfallen an meinem Schreibtisch."

0 Kommentare

Neuester Kommentar