Daniel Kehlmanns Roman "F" : F wie vielleicht

Daniel Kehlmann jongliert in seinem neuen Roman "F" mit den ganz großen Fragen nach Schicksal, Zufall und Notwendigkeit. Aber in den philosophischen Regionen, in die er aufgebrochen ist, wird die Luft schnell dünn.

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Im Rücken nur Riesen. Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei der Vermessung der Welt in Berlin.
Im Rücken nur Riesen. Bestsellerautor Daniel Kehlmann bei der Vermessung der Welt in Berlin.Foto: Julia Zimmermann/laif

Was Literatur ausmacht, wird von keiner offiziellen Verordnung geregelt. Anders als im gemeinen Lebensmittelrecht existieren weder Reinheitsgebote noch Kataloge freigegebener Zusatzstoffe. Jedes gute Buch entwirft die Kriterien, an denen es gemessen werden muss, aus sich selbst heraus – wenn auch nicht jedes Mal von neuem. Daniel Kehlmanns Roman „F“ zum Beispiel ist in vieler Hinsicht eine verbesserte Ausgabe seines Geschichtenreigens „Ruhm“, mit dem er vor vier Jahren seine metafiktionalen Spiegelkabinette öffnete: noch virtuoser in der selbstbezüglichen Verschränkung seiner Motive – und noch ehrgeiziger in seinen metaphysischen Spekulationen.

Die Mühen haben indes zu keiner Einbuße an Leichtigkeit geführt. Im Hinblick auf das gedankliche Raffinement und die konstruktive Kühnheit ragt „F“ turmhoch über das meiste hinaus, was Kehlmanns deutschsprachige Generationsgenossen sonst zuwege bringen. Der Roman lebt von einem beweglichen Intellekt, einer im Wortsinn fantastischen Imaginationskraft und einwandfreiem Handwerk. Sprachlich sitzt hier alles, hat Rhythmus und Schwung – und überdies den Anspruch, dass jeder, der den Strukturen und Details wirklich auf die Schliche kommen will, das Buch mindestens zweimal lesen muss.

„F“ ist ein großer Spaß, doch auch ein Experiment, dessen Risiken durch die Übererfüllung aller erdenklichen Qualitäten zunächst verborgen bleiben. Das Literarische quillt ihm derart aus sämtlichen Poren, dass man leicht übersieht, wie dünn die Luft in den Regionen ist, in die es hinaus will, und wie wenige dort reüssieren. Denn das Buch stellt nicht nur die alten Fragen nach Schicksal, Zufall und Notwendigkeit in einem ebenso archaischen wie zeitgenössischen Kontext, es versucht auch, sie in einem genuin literarischen Sinn fruchtbar zu machen.

F wie Fatum. F wie Familie. F wie Fiktion. F wie Fälschung. Oder F wie F, die mit einem einsamen Initial benannte Figur aus Arthur Friedlands imaginärem Roman „Mein Name sei Niemand“, der wiederum Kehlmanns „F“ grundiert und durchdringt: eines der vielen Beispiele für eine Technik der mise-en-abyme, bei der die Darstellung sich selbst als Teil des Dargestellten enthält. Das sind die wichtigsten Bedeutungsnuancen des Titels, in dessen Horizont Kehlmann Arthur Friedland, einen erst spät im Leben von einem Hypnotiseur namens Lindemann zu einem produktiven Schriftstellerdasein befreiten Vater und seine drei Söhne auftreten lässt.

Heuchler und Schwindler sind sie alle: Arthur durch seinen langjährigen Selbstbetrug. Martin, ein fresssüchtiger katholischer Priester, dadurch, dass er unfähig ist, an Gott zu glauben, und zugeben muss, dass ihm – waren es dunkle Kräfte? – gegenüber einem lästigen Bettler auch schon mal der Fuß ausgerutscht ist. Und seine jüngeren, in ihrer Polarität zuweilen scheinbar verschmelzenden Zwillingsbrüder Iwan und Eric. Dieser ein medikamentensüchtiger Finanzberater mit diabolischen Visionen, promisker Lebensart und räuberischer Gesinnung am Rand des finanziellen Abgrunds. Jener ein schwuler Kunsthistoriker, der über ästhetische Mediokrität zu promovieren gedenkt, sein Talent dann aber darauf verwendet, für seinen Geliebten, den wenig begabten Maler Heinrich Eulenböck, ein Aufsehen erregendes Frühwerk anzufertigen und mithilfe des vermeintlich neu entdeckten Meisters, der zumindest kraft seines genialen Charismas dazu noch ein paar verbale Provokationen spendiert, gewinnträchtig zu vermarkten.

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