• Daniel Libeskind im Interview - Der Star-Architekt gibt Berlins Innenstadt-Planern schlechte Noten

Kultur : Daniel Libeskind im Interview - Der Star-Architekt gibt Berlins Innenstadt-Planern schlechte Noten

Heik Afheldt

Was halten Sie von der Nachwendearchitektur in der Stadt?

Von Architektur zu sprechen, ist etwas ganz anderes als sich mit der Gestaltung von Innenstädten zu befassen. In Berlin sind sehr viele Gebäude von besserer oder minderer Qualität hochgezogen worden. Doch der Umgang mit der Innenstadt und dem öffentlichen Raum ist sehr mittelmäßig. Ärgerlicherweise ist eine große Chance vertan worden. Es ist kein optimistischer Ausblick auf die Stadt des 21. Jahrhunderts, wenn man nur nach der Zahl der Investoren und der Käufer fragt, die man anziehen kann.

Was wäre denn Ihre positive Vision der Stadt des 21. Jahrhunderts?

Das hat viel zu tun mit mehr Phantasie, mit mehr Gefühl für die wirklichen Bedürfnisse der Menschen und nichts damit, einfache historische Muster als abstrakte Lügen zu rekonstruieren. Man sollte den öffentlichen Räumen und den verschiedenen Aktivitäten der Menschen in ihnen viel mehr Aufmerksamkeit zuwenden.

Sie würden die Stadt ganz neu konzipieren?

Nein, nein, ich sehe keinen Widerspruch zwischen Kontinuität und Geschichte einerseits und einer aufregenden neuen Stadt andererseits. Es geht darum, der Tradition eine zeitgemäße Gestalt, eine neue Ausstrahlung zu geben. Ich glaube, kaum einer wird zum Potsdamer Platz gehen und wirklich begeistert sein. Man wird die neuen Gebäude und all die Läden sehen, mehr nicht.

Wenn Sie Bausenator von Berlin würden, wie sähe Berlin nach zwanzig oder dreißig Jahren aus, was wäre anders?

Als erstes würde ich alle Fenster öffnen, den "wind of change" über die Schreibtische der Bürokratie wehen lassen. Es geht nicht nur darum, Entwürfe zu dekretieren, um damit einzelne Standorte vollzubauen. Man müsste die gesamte Planungskultur verändern, um diese Stadt zu regenerieren. Sie hat eine unglaublich interessante Geschichte, ihre tragischen Ereignisse, und sie geht mit einer unerhörten Chance in die Zukunft. Ohne eine neue kulturelle Vision macht es wenig Sinn mit Nutzungsziffern und Bebauungsplänen zu hantieren.

Okay, aber was würde der Besucher im Jahr 2030 sehen, wenn der "wind of change" durch die Bauämter und die Stadt geweht wäre?

Ich glaube, dass das Problem in Berlin weniger die uniformen und homogenen formalen Gesten sind. Viel wichtiger ist es, die Stadt als Ort für das vielfältige Leben der Menschen zu verstehen, dafür zu sorgen, dass gesunde und angenehme Lebensräume geschaffen werden, in denen die Menschen leben, sich bewegen und einkaufen können, in denen Kinder spielen können. Und zu verstehen, wie das Verhältnis der Menschen zum Bild und zur Wirklichkeit ihrer Stadt ist. Sie fragen, wie die Stadt sein wird? Ich glaube, die Stadt ist das, was die Menschen mit ihrer Geschichte verbinden. Wie in den Hackeschen Höfen, wo es ganz unterschiedliche Maßstäblichkeiten gibt, verschiedene Texturen, verschiedene Materialien, eine Welt voller bunter Vielfalt. Das alles vermissen die Leute in den synthetisch produzierten Abstraktionen.

Welche Rolle haben Autos in ihrer Zukunftsstadt?

Der Potsdamer Platz ist ein gutes Beispiel: die selben Fehler, die man hier schon in den dreißiger Jahren bei der Verkehrsplanung beobachten konnte, hat man jetzt wiederholt, im Grunde das selbe Straßenmuster, das damals schon falsch war. Autos sind wichtig, aber man muß ihre Rolle in der Innenstadt neu definieren. Öffentlicher Verkehr und vor allem Fußgängerverkehr sind mindestens so wichtig. Das Verkehrskonzept am Potsdamer Platz entspricht sicher nicht den Anforderungen des 21. Jahrhunderts. Natürlich braucht man - auch am Potsdamer Platz - Anschlüsse an den Autoverkehr, aber nicht in Form dieses verwirrenden Labyrinths von Ein- und Ausfahrten zu den unterirdischen Parkplätzen, zur Unterwelt.

Sie haben mal gesagt, Museen seien "festliche Inszenierungen" von öffentlichem Raum. Gilt das nicht auch für zentrale Plätze in einer Stadt?

Ja, aber nicht nach einem einheitlichen Strickmuster, sondern im Gegenteil, mit möglichst ganz unterschiedlichen Maßen, individueller Gestaltung und Atmosphäre. Öffentliche Plätze müssen interessant sein, Strassenkreuzungen mit Cafes reichen nicht, wenn sich diese Plätze nicht artikulieren, wenn von ihnen keine Faszination auf die Fußgänger ausgeht.

Sie kennen die meisten großen Städte der Welt. Gibt es eine Stadt, die Sie als besonders modern, als Stadt des 21.Jahrhunderts bezeichnen würden?

Nicht als Modell oder Vorbild für Berlin. Aber was die Menschen aus Barcelona gemacht haben, ist faszinierend. Das war eine sehr staubige alte Stadt, der man eine völlig neue Richtung gegeben hat. Heute gehen Leute dorthin, nicht um das alte Spanien zu besichtigen, sie gehen auch dahin wegen der neuen Möglichkeiten, die die Stadt bietet: Einkaufen, Unterhaltung,Kultur; weil ganz neue Straßen entworfen worden sind und eine inspirierende Vision entstanden ist. Sie haben die Stadt sorgfältig aber ohne Sentimentalitäten umgebaut. Bilbao ist ein anderes Beispiel. Mit Frank Gehrys Museumsbau haben sie dort einen Akzent gesetzt, der Bilbao nie wieder das alte Bilbao sein lassen wird.

Wieweit ist Berlin von Barcelona entfernt?

Weit, weit entfernt, meilenweit. Warum kehren so viel Einwohner Berlin den Rücken und verlassen die Stadt. Dabei könnte man aus der Stadt so unendlich viel machen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, welche Aufgabe in Berlin würden Sie gerne übernehmen?

Ich würde gerne die Verantwortung übernehmen für die Gestaltung des öffentlichen Raumes. Nicht so sehr für die Formen und die Architekturen, sondern dafür, wie die Leute dies Räume nutzen und genießen, Plätze wie der Alexanderplatz. Viele Formen der "öffentlichen Intimität" wie Gespräche oder einfaches Herumsitzen sollten sich dort entwickeln und nicht primär das, was als offizielle Funktion akzeptiert ist und einem Bild der öffentlichen Ordnung entspricht. Das ist bisher nicht der Fall. Öffentliches Leben, das ist gelebte Freiheit.

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