Kultur : Daniel Libeskind in der American Academy

Sonja Bonin

Wenn Daniel Libeskind in die American Academy kommt, füllt sich die Villa am Berliner Wannsee mit illustren Gästen. Und es ist amüsant, ihm zuzuhören. Frisch und energiegeladen, als sei er nicht gerade dem Flugzeug aus L.A. entstiegen, beginnt der amerikanische Stararchitekt seinen Vortrag, und wenn der Diaprojektor ihm einen Streich spielt, wird kurzerhand das Redetempo ein wenig beschleunigt.

Über "die längste Entfernung zwischen zwei Punkten" wollte Libeskind am Donnerstagabend reden. Was aber ist das Gegenteil einer geraden Linie? Zum Beispiel ein zerbrochener Davidstern, der wie ein Blitz in die gewohnte lineare Geometrie der Stadt einbricht? So sieht das neue Jüdische Museum in Berlin jedenfalls aus. Es verrät: Daniel Libeskind ist ein bauender Philosoph.

Die Geometrie des Raumes ist es, über die er nachdenkt, und die Funktion der Architektur in der Stadt. Für Libeskind hat jedes Gebäude, jeder Platz eine "Mission, ein spirituelles Ziel". Insofern kam ihm die Frage aus dem Akademie-Publikum, ob nicht sein Museum ein Holocaust-Mahnmal sei - und deshalb Peter Eisenmans Stelenfeld ersetzen könnte -, gar nicht so ungelegen. Schließlich lockt der neue Libeskind-Bau schon jetzt, auch ohne Exponate, als eine der Hauptattraktionen Touristen nach Berlin. Skeptiker argwöhnen gar, das Gebäude tauge gerade wegen seiner Architektur nicht gut zum Ausstellungsort. Klar ist: Mit jedem Neubau setzt Libeskind eine Aussage in die Welt; das Materielle folgt einer abstrakten Idee.

Diese Grundvorgehensweise demonstrierte der Meister der "Dekonstruktivistischen Architektur" an zweien seiner jüngsten Entwürfe: dem "Imperial War Museum" in Manchester und einem Anbau für das Victoria und Albert Museum in London. Der Krieg, laut Winston Churchill das einzig Verlässliche auf der Welt, beschert Manchester in voraussichtlich zwei Jahren ein Museum aus Scherben. Die Welt, ein Globus, in mehrere Scherben zerborsten, drei dieser Riesenfragmente ineinander verzahnt zu einem Gebäude zusammengesetzt, über desen Außenflächen immerfort die Nachrichten aller Welt flimmern werden, unübersehbar für die ganze Stadt. Die mediale Omnipräsenz erfüllt die Forderung des Architekten, alles Gebaute müsse direkt auf das Leben der Menschen einwirken.

Ganz anders da die Herausforderung in London. In einem Gebäudekomplex aus mehr als vierzig Einzelbauten galt es, nicht wie alle anderen vor ihm eine neue "Schachtel" in den verbleibenden Raum zu setzen, so Libeskind. Was aber ist "das genaue Gegenteil einer Schachtel"? Eine Spirale, so Daniel Libeskinds überraschende Konklusion. Der Inbegriff "zerstreuten" Raums - und ideal, sich auf der Entdeckungsreise durchs Museum zu verlaufen - ist für den kreativen Denker eine herrliche Vorstellung. Im Modell wirkt das Ergebnis seiner Planung allerdings wie eine wuchtige Wucherung, die Straße und Gebäudeteile überlappt. Die englische Presse quittierte es mit wütendem Entsetzen. Das deutsch-amerikanische Publikum in Berlin dagegen spendete am Donnerstag enthusiastischen Applaus. Und ein bekennender Fan gab dem Architekten Libeskind das perfekte Stichwort für einen flammend-pathetischen Abgang: ob er denn nicht versuche, über die Museumsbeucher und letztlich die ganze Stadt Regie zu führen? Ohne Zweifel, so Libeskinds selbstbewusste Antwort, sei die Stadt das "Theatrum Mundi", das Theater, das die Welt ausmacht. Und darin habe er eben eine kompetente Rolle zu spielen.

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